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„Ein Lied für Argyris“ Dokumentarfilm-Porträt eines Überlebenden des SS-Massakers von Distomo

Erschienen in "analyse & kritik" 5/07

„Um Reue ist es nie gegangen...“

„Ein Lied für Argyris“ – das Dokumentarfilm-Porträt eines Überlebenden des SS-Massakers von Distomo, der seit mehr als einem Jahrzehnt für eine Entschädigung der Opfer kämpft, ist am 17. Mai in den deutschen Kinos angelaufen.

Von Susann Witt-Stahl

Keiner der Mörder in deutscher Uniform wurde je für seine Gräueltaten vor Gericht gestellt: Sie bajonettierten Säuglinge, schnitten Frauen die Brüste ab und steckten sie ihren Kindern in den Mund. „Ein Ehepaar zündeten sie lebendig an und schauten vergnügt dem grauenvollen Tanz der brennenden Leiber zu“, berichtet Argyris Sfountouris. „Vier Dorfbewohner wurden hingemetzelt mit den Därmen um den Kopf gewickelt aufgefunden.“

Der damals vierjährige Argyris und seine Schwestern Chryssoula, Astero und Kondylia sind Überlebende des Massakers, das Mitglieder einer SS-Division am 10. Juni 1944 in dem griechischen Dorf Distomo verübt haben. 218 Bewohner sind barbarisch ermordet worden; darunter auch Argyris Eltern und weitere 30 Familienangehörige.
Regisseur Stefan Haupt hat dem heute 66-Jährigen einen Film gewidmet: Er „ist eine Verneigung vor den Menschen, die solche Erlebnisse in früher Kindheit hatten, dennoch leben wollen und sich nicht abschotten und zurückziehen, erklärt der Träger des Schweizer Filmpreises 2006.

Nach den Ereignissen in Distomo kam Argyris ins Waisenhaus. Eines Tages wurde er von einer Delegation des Roten Kreuzes in ein Pestalozzi-Kinderdorf in der Schweiz gebracht. Später studierte er in Zürich und erwarb den Doktortitel in Mathematik und Astrophysik. Eines Tages begann Argyris, die Werke von griechischen Schriftstellern ins Deutsche zu übertragen. Er schrieb eigene Essays und Gedichte. Nach dem Obristen-Putsch 1967 schloss Sfountouris sich dem Widerstand gegen die Militärjunta an. In Zürich organisierte er eine Kundgebung mit Max Frisch und gab die Kulturzeitschrift „Propyläa“ heraus, in der von der Diktatur verfolgte Autoren ihre Werke veröffentlichten.

Zum 50. Jahrestag des Massakers organisierte er in Kooperation mit der Gemeinde Distomo im Europäischen Kulturzentrum in Delphi eine „Tagung für den Frieden“ unter dem Titel „Gedenken – Trauer – Hoffnung“. Der Kongress sollte nicht nur zur Aussöhnung betragen, sondern auch die Regierung des Täterlandes an die bisher versäumte Zahlung von Entschädigungen erinnern. Neben ehemaligen Widerstandskämpfern, Journalisten, Historikern, Psychoanalytikern und anderen Wissenschaftlern wurden auch deutsche Politiker eingeladen – aber keiner von ihnen nahm teil.

Auf Gesten der Anteilnahme müss Argyris und die Bewohner von Distomo noch weitere zehn Jahre warten, bis 2004 schließlich der deutsche Botschafter Albert Spiegel zu den Gedenkfeierlichkeiten anreist: „Ich möchte gern meine Entschuldigung aussprechen“, sagt er am Ende seiner nicht einmal zwei Minuten dauernden Rede. Argyris Sfountouris ist verbittert: „Das ist eine vollkommene sprachliche Verwahrlosung, nach 60 Jahren als diplomatische Pflichtübung dort das Wort Entschuldigung zu gebrauchen. Um Reue ist es nie gegangen.“

Er weiß, wovon er redet: Sein Bedauern auszudrücken kosten nichts. Wenn es aber darum geht, die ökonomischen Lasten als Rechtsnachfolger des NS-Staates zu tragen, musste Argyris schmerzlich erfahren, zeigt sich die Bundesregierung alles andere als schuldbewusst: Seit 1995 kämpfen die Geschwister Sfountouris vergeblich vor deutschen Gerichten für eine Entschädigung. 2006 zogen sie schließlich vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg und beantragten die Feststellung, dass die deutschen Gerichte mit ihren ablehnenden Entscheidungen gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstoßen haben. Außerdem verlangen sie die Festsetzung einer Entschädigungssumme. Das Verfahren ist noch anhängig.

Rund 300 der von dem Nazi-Verbrechen Betroffenen und ihre Nachkommen klagten auch vor griechischen Gerichten. Mit Erfolg. Im April 2000 verurteilte der Oberste Gerichtshof des Landes Areopag die Bundesrepublik zur Zahlung einer Entschädigungssumme von rund 28 Millionen Euro. Aber Berlin weigerte sich, seiner Verpflichtung nachzukommen, übte diplomatischen Druck auf die griechische Regierung aus mit der Folge, dass das rechtskräftige Urteil unwirksam blieb. Da Vollstreckungstitel auch in anderen europäischen Ländern durchgesetzt werden können, reichten die Opfer schließlich in Italien Klage ein und gewannen das Verfahren in zwei Instanzen. Aber Berlin bleibt hartnäckig, will alle Rechtsmittel ausschöpfen und ist kürzlich vor das Oberste Gericht Italiens gezogen – die Entscheidung steht noch aus.

Der Hamburger Rechtsanwalt Martin Klingner vom Arbeitskreis Distomo, der die Geschwister Sfountouris vertritt, findet das Verhalten der deutschen Regierung skandalös. Nicht zuletzt, weil sie sich mit dem Argument „aus ihrer historischen Verantwortung stiehlt“, bei den Massenmorden der SS habe es sich um eine „Maßnahme im Rahmen der Kriegsführung“ gehandelt. „Indem die Bundesrepublik den nationalsozialistischen Vernichtungswillen verharmlost und die Systematik der NS-Verbrechen verleugnet“, klagt Klingner an, „macht sie sich des Geschichtsrevisionismus schuldig.“