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Das Hamburger Gängeviertel: Der größte Slum Europas

Erschienen in "MieterJournal" 4/2010

BUCHTIPP von Britta Warda

Der größte Slum Europas                                                                                             

Der Autor Geerd Darms legt erstmals eine umfassende Geschichte der Hamburger Gängeviertel vor. Im Fokus steht die gescheiterte Hamburger Wohnungspolitik vor 100 Jahren. Das Buch erzählt vom Elend, von Vertreibung und skrupellosen Wohnungsspekulanten.

„Ich vergesse, dass ich in Europa bin“, seufzte der berühmte Arzt Robert Koch angesichts der katastrophalen hygienischen Zustände in den Arbeiterquartieren der Hamburger Innenstadt, in denen 1892 die Cholera besonders verheerend wütete. Das Gängeviertel der Altstadt, gelegen zwischen der Spitalerstraße und dem heutigen Kontorhausviertel, war damals einer der größten Slums Europas.

In der Literatur häufig als schönes altes Hamburg verklärt, sah die Realität im 19. Jahrhundert alles andere als romantisch aus: 1885 lebte ein Drittel der Hamburger mit mehr als vier Personen in einem Zimmer – ein großer Teil davon in den Gängevierteln. Die Wohnverhältnisse waren ärmlich: Viele Unterkünfte verfügten nicht einmal über eine Kochgelegenheit oder eine Heizung. Pro Haus gab es ein Klosett, das im günstigsten Fall einmal in der Woche gelehrt wurde. Kot und Abfall sickerten durch die Rinnsteine, die nur teilweise an das Abwassersystem angeschlossen waren. Ein unvorstellbarer Gestank durchzog die Gassen.

Hauptsächlich Hafen- und Gelegenheitsarbeiter bewohnten die engen Zimmer. Da es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert noch kein preiswertes Nahverkehrssystem gab, waren sie darauf angewiesen in der Nähe des Hafens zu leben. Die Miete wurde einmal im Jahr kassiert. Wer das Geld nicht zurücklegte, flog raus. 1890 kostete eine Zweizimmerwohnung in der Spitalerstraße 200 Mark im Jahr – für einen Arbeiter ohne regelmäßiges Einkommen eine große Belastung. Um das Geld aufzubringen, nahmen viele zusätzlich Untermieter auf. Betten wurden samt benutzter Wäsche an Nachtarbeiter – so genannte Schlafgänger – vermietet.

Die schlechten hygienischen Verhältnisse waren der Nährboden für Krankheiten wie Diphtherie, Rachitis oder Lungetuberkulose. Diese katastrophalen Zustände, sowie Prostitution und Kriminalität in den Quartieren, riefen bisweilen die Politik auf den Plan. Was letztendlich zum Abriss der Viertel führte, war aber nicht die Sorge um die Gesundheit der Bevölkerung, sondern hatte wirtschaftliche Gründe.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts änderte sich nach und nach die Struktur der Innenstadt: Die Höfe und Gänge mit ihren Bewohnern wichen repräsentativen Straßen mit prunkvollen Geschäftshäusern. Als erstes fiel 1885 das Arbeiterquartier auf der Kehrwieder-Wandrahm-Insel der Spitzhacke zum Opfer, um Platz für den Bau der neuen Speicherstadt zu schaffen. Durch den Anschluss Hamburgs an das deutsche Zollgebiet war die Errichtung eines zollfreien Freihafenbereichs notwendig geworden. 18.000 Menschen verloren ihre Bleibe. Ersatzunterkünfte: Fehlanzeige! Der spätere Hamburger Oberbaudirektor Fritz Schumacher kritisierte: „Man sorgte sich nicht um ihre Neuansiedlung, sondern überließ es jedem selbst, sich vor allem in den äußeren Stadtteilen neue Unterkunft zu suchen.“

Auch beim Abriss des Altstädter Gängeviertels um 1907 – dort entstand die Mönckebergstraße – gab es für die Bewohner keiner Unterstützung von der Stadt. Der Senat hatte kein Interesse daran, genügend Wohnraum für die ärmeren Bevölkerungsschichten zu schaffen. Stattdessen stopften sich Staatsbedienstete durch Spekulationsgeschäfte die Taschen voller Geld. Die über 100 Jahre alten Akten aus dem Hamburger Staatsarchiv belegen, dass die Bereicherung ohne juristische Folgen blieb. Nicht zuletzt diese Fakten machen das reich bebilderte Buch zu einer spannenden Lektüre.

Geerd Dahms: Das Hamburger Gängeviertel. Unterwelt im Herzen der Großstadt. Berlin 2010, Osburg Verlag, 288 Seiten, 24,90 Euro