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Medienbüro Hamburg

Der Alte Elbtunnel

Erschienen in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" am 3. September 2011

Spaziergang unter den Ozeanriesen

100 Jahre Elbtunnel: Attraktion in Hamburg

In seiner blauen Uniform strahlt der junge Tunnelaufseher etwas von der Geschichte seines Arbeitsplatzes aus. Der 22-Jährige erzählt uns viel über den Alten Elbtunnel, nur seinen Namen will er uns nicht verraten. Nennen wir ihn also Uwe. „Viele, die kommen, sind Stammkunden und ganz viele Fahrradfahrer“, erzählt Uwe und lächelt, „und die Fahrradfahrer bezahlen nichts, denn Hamburg ist ja ’ne grüne Stadt.“

Was heute als ökologische Maßnahme betrachtet werden kann, war vor 100 Jahren, als der Alte Elbtunnel eröffnet wurde, eine handfeste soziale Frage. Die Sozialdemokraten haben die Kostenfreiheit 1911 durchgesetzt mit dem Argument, die vom Bürgertum genutzten Reitwege würden ja ebenfalls umsonst instand gehalten.

Autofahrer allerdings bezahlen heute zwei Euro pro Durchfahrt. Es ist ein subventionierter Preis, schon die zum Betrieb der Aufzüge anfallenden Stromkosten liegen höher. Denn Autos, die durch den Elbtunnel wollen, fahren nicht über eine Rampe, sondern werden in holzvertäfelten Aufzügen 23 Meter hinab und wieder hinauf befördert.

Ein Erlebnis, das immer noch jährlich 300 000 Autofahrer nutzen, um ihr Gefährt in einem der Fahrkörbe auf die 1,90 Meter schmale Fahrbahn liften zu lassen, die über 426,50 Meter von St. Pauli ins Freihafengebiet nach Steinwerder und zurück führt. Derzeit ist nur eine der beiden Röhren in Betrieb, die andere wird entkernt und saniert.

Deshalb ist die Verkehrsrichtung seit 2009 getaktet: Autofahrer bewegen sich von 5.30 Uhr bis 13 Uhr von St. Pauli zum Freihafen, von 13 bis 20 Uhr geht’ s in die andere Richtung. „Viele Touristen fragen nach technischen Dingen und Details“, sagt Aufseher Uwe und freut sich über die Wissbegierde, „mit den Leuten zu sprechen, macht den Job auch spannender“.

Ihnen erzählt er dann etwa, dass der tiefste Punkt des Tunnels je nach Wasserstand bei „zwölf Metern plus/minus“ liegt und eine 1981 im Zuge der Elbvertiefung eingesetzte Metallplatte das Bauwerk vor der Beschädigung durch Schiffe mit starkem Tiefgang schützt. Oder er erklärt, warum die Fliesen an den Wänden manchmal Motive zeigen: Reliefs, die Fische, Muscheln, Schildkröten, aber auch Stiefel zeigen – Lebewesen und Gegenstände, die mit der Elbe assoziiert werden.

Anfang des 20. Jahrhunderts drängte die Frage, wie die Beschäftigten der rasant wachsenden Hafenwirtschaft zu ihren Arbeitsplätzen gelangen könnten. Der Fährbetrieb, mit dem die Arbeiter bisher zu den Werften übersetzten, war an die Grenzen seiner Belastbarkeit gelangt und fiel zudem im Winter manchmal den Eismassen zum Opfer. Die Idee, eine Brücke über die Elbe zu bauen, wurde verworfen: Zu groß wären die Beeinträchtigungen im Schiffsverkehr gewesen. Die Stadt entschied sich dafür, elf Millionen Goldmark in einen Tunnel zu investieren, der nach zehn Jahren Planung, vier Jahren Bauzeit und fünf dabei ums Leben gekommenen Arbeitern am 7. September 1911 zur Nutzung freigegeben wurde. 200 Tonnen Blei und 5000 Tonnen Eisen steckten in dem damals aufsehenerregenden Bauwerk, an dessen beiden oberirdischen Enden Kuppelgebäude errichtet wurden. Während das ursprüngliche Eingangsgebäude in Steinwerder dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer fiel, besteht das „stadtseitige“ Gebäude noch: Die Hauptmaterialien Tuffstein, Basalt und Granit passen sich in die Wasserkanten-Architektur der St.-Pauli-Landungsbrücken ein.

„Am frühen Morgen pilgert ein großer Teil der insgesamt etwa 60 000 im Hafengebiet beschäftigten Arbeiter durch den Elbtunnel nach den Arbeitsstätten auf Steinwärder und Kuhwärder. Nach Feierabend ergießt sich dann der gleiche Menschenstrom zurück und nach den oft 10 bis 15 km entfernten Wohnvierteln, da Hamburg über neuen Wohnraum für seine Hafenarbeiter in der Nähe des Hafens auf eigenem Gebiet nicht mehr verfügt“, schildert ein „Führer durch Hamburg“ aus dem Jahr 1927 das Geschehen.

Heute hat sich die Bedeutung des Alten Elbtunnels gewandelt. Mit der Eröffnung des auf den Automobilverkehr ausgerichteten Neuen Elbtunnels 1975 ist der Vorgänger stark entlastet worden, zumal durch Containerwirtschaft und Werftensterben die Zahl der im Hafen Beschäftigten kontinuierlich abgenommen hat.

In den Röhren finden heutzutage des Öfteren Straßenkonzerte statt, etwa von Klezmer-Bands. Jugendliche wandern oder radeln gerne durch den 2003 unter Denkmalschutz gestellten Tunnel, weil auf der Freihafenseite einstige Lagergebäude zu Clubs umfunktioniert worden sind. Wochenends wird der Elbtunnel so zum Party-Parcours. Die Ausstellung Elb-Art präsentiert hier jährlich zeitgenössische Kunst. Im Januar findet stets der Elbtunnel-Marathon statt, bei dem die Läufer 48-mal die Röhrenrunde laufen. Wer sich dabei verzählt, kann auf „seekrank“ plädieren.

Aber auch die klassische Nutzung gibt es noch. Andreas von Paczinski kommt gerade mit seinem Fahrrad vom Motorenhersteller MAN. „Ich wohne noch hinter St. Pauli, ohne den Tunnel wär’ s für mich ein Riesen-Umweg zur Arbeit“, sagt der Pendler vor dem Eingang Landungsbrücken. Den bald 100-jährigen Elbtunnel nennt er noch „ein schönes Bauwerk“, dann radelt er in den wohlverdienten Feierabend.