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Moshe Zuckermann

Zum Frieden gehört so viel Mut wie zum Krieg

60 Jahre Israel
"Zum Frieden gehört so viel Mut wie zum Krieg"

aus der "ZEIT online" vom 2.5.2008

Der israelische Soziologe Moshe Zuckermann über das deutsch-israelische Verhältnis, gesellschaftliche Veränderungen und die Zukunft seines Landes. Ein Interview

ZEIT online: Wie würden Sie heute, 60 Jahre nach der Staatsgründung Israels, die deutsch-israelischen Beziehungen beschreiben?

Moshe Zuckermann: Im Laufe der letzten 60 Jahre waren sie einerseits einem immensen Wandel unterworfen, aber folgten andererseits auch noch einem fortlebenden Grundmuster, von dem sie sich nicht lösen konnten. Das heißt, sie sind über Jahrzehnte aufgelockert worden, haben sich über die ursprünglich rein wirtschaftliche Dimension hinaus auch in den Bereichen von Wissenschaft und Kultur, der Sicherheitspolitik und des allgemeinen politischen Austauschs merklich entfaltet. Gleichzeitig sind ihnen aber die Grenzen eines unausgesprochenen Tabus immer noch auferlegt, die sich aus der Katastrophe der deutsch-jüdischen Geschichte des 20. Jahrhunderts ergeben.

ZEIT online: Wie äußert sich das in der aktuellen Politik?

Zuckermann: Das offizielle Deutschland wird Israel kaum je öffentlich kritisieren, auch dort nicht, wo Kritik angemessen und erforderlich wäre. Dafür bietet das offizielle Israel die zunehmende "Normalisierung" an. Wichtig ist dabei, zu bedenken, dass es um die staatsoffizielle Haltung beider Länder geht; im Fall Deutschlands zudem um den Entwicklungsstrang von der alten BRD zum vereinigten Deutschland hin.

ZEIT online: Welche Rolle spielte und spielt Deutschland denn in der israelischen Politik und Gesellschaft?

Zuckermann: Deutschland ist, neben den USA, zu Israels treuestem Verbündeten geworden. Das hört sich freilich besser an, als es ist. Denn die vielbeschworene Freundschaft Deutschlands ist in erster Linie der Konsequenz geschuldet, die das offizielle Deutschland aus dem am jüdischen Volk verübten Menschheitsverbrechen gezogen hat. Das hat die Beziehungen zwischen beiden Ländern von ihrem Anbeginn geprägt, aber eben auch in eine Bahn geleitet, die vor allem einem Paradigma der Schuld und fortwährender Sühne unterworfen ist. Das konnte über viele Jahre vielleicht gar nicht anders sein und hat sich beim Besuch der Bundeskanzlerin in Israel im März dieses Jahres auch mitnichten verändert. Die Konsequenz ist, dass die Rolle Deutschlands in der israelischen Politik zwar gravierend sein mag, aber eben auch von vornherein beschränkt. Rein praktisch betrachtet, kann Israel nur interessiert daran sein, zu Deutschland die besten Beziehungen zu unterhalten: Deutschland ist eine Weltmacht und eine dominante Nation in Europa. Israel hat das stets im Blick gehabt.

ZEIT online: Wie würden sie das Verhältnis zwischen in Deutschland lebenden Juden und jüdischen Israelis beschreiben?

Zuckermann: Zunächst einmal würde ich die Beziehungen zwischen in Deutschland lebenden Juden und jüdischen Israelis als eine einseitige "Liebe" charakterisieren. Während sich Deutschlands Juden stets mit Israel als dem Judenstaat solidarisiert und Israel tatkräftig wirtschaftlich und finanziell unterstützt haben, galten sie den allermeisten Israelis über viele Jahrzehnte als die unterste Stufe der "diasporischen Juden". Es war den jüdischen Israelis schier unbegreiflich, wie Juden im Land der Täter überhaupt leben konnten.
Übrigens empfanden die in Deutschland lebenden Juden ihre Entscheidung, sich eine Existenz in diesem Land aufzubauen, selbst als ambivalent. Man behauptete stets, "auf den Koffern" zu sitzen, was sich bei den allermeisten unter ihnen als Lebenslüge erweisen sollte. Als Ignatz Bubis (ehemaliger Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland) Mitte der achtziger Jahre mit dem Postulat auftrat, jüdisches Gemeindeleben möge in Deutschland wieder erblühen und institutionalisiert werden, hat er sich ganz gewiss keine Freunde in Israel gemacht. Heute hat sich der Zustand von Grund auf gewandelt: Nicht nur durch die Masseneinwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland, sondern auch dadurch, dass es in Israel offenbar legitimer geworden ist, nach Deutschland zu wollen.

ZEIT online: Worin sehen Sie die Rolle Deutschlands in Bezug auf die Nahostpolitik heute?

Zuckermann: Ich sehe Deutschland vor allem als Vermittler an. Dabei spielen zweierlei Momente eine gravierende Rolle: zum einen besagte deutsche Verpflichtung gegenüber Israel. Zum anderen aber der "gute Draht", den Deutschland zu anderen Ländern in dieser Region unterhält, was sich wiederum daraus erklärt, dass es kein Land auf der Welt gibt, das sich leisten könnte, Deutschland zu ignorieren, wenn es an Beziehungen zum "Westen", vor allem aber zu Europa, interessiert ist.
Deutschlands objektive Macht macht es zum "beliebten" Bündnispartner. All dies kann für eine Vermittlungsfunktion aufs wirkungsvollste instrumentalisiert werden. Es war schon beachtlich, welcher Anerkennung und sogar freundschaftlicher Beliebtheit sich der ehemalige Außenminister Joschka Fischer seinerzeit in dieser Rolle erfreuen durfte.

ZEIT online: Was sind ihrer Meinung nach die wichtigsten gesellschaftlichen Veränderungen in Israel in den vergangenen Jahrzehnten?

Zuckermann: Als gravierendste Veränderung würde ich die bedrohlich zunehmende Schwächung der sozialen Solidarität in Israel ansehen. Die Ideologie der Solidargemeinschaft der Anfangsjahre, die entscheidend durch die Euphorie des Neubeginns geprägt war, ist so gut wie untergegangen. Es ist kaum zu glauben, was für eine sozial-ökonomische Kluft sich inzwischen im Rahmen der rabiaten Neoliberalisierung des Landes aufgetan hat, wenn man bedenkt, von welchen Idealen der Zionismus, insbesondere der sozialistische Zionismus, ursprünglich getragen war.
Als zweite gravierende Veränderung, die freilich mittlerweile zu Israels "zweiter Natur" angewachsen ist, würde ich die Auswirkungen einer nunmehr vierzigjährigen Okkupationspraxis nennen samt der damit zusammenhängenden Normalisierung von Aggression und Gewalt innerhalb der Gesellschaft, der Barbarisierung des Verhältnisses zu den Palästinensern nennen. Aber auch die Rolle, die der nationalreligiöse Chauvinismus, mithin die Religion als solche, in Israels politischer Kultur spielt. Die geschichtlichen Folgen sind unabsehbar, zumal Israels ursprüngliches Selbstverständnis ja ein säkulares war. Man darf sich durch die westlich-mediterrane Leichtlebigkeit Tel Avivs nicht täuschen lassen. Die strukturellen Veränderungen haben die Koordinaten für eine besorgniserregende Zukunft gelegt.

ZEIT online: Funktioniert die der Gesellschaft zugrunde liegende Ideologie des Zusammenhalts denn tatsächlich gar nicht mehr?

Zuckermann: Die Frage ist, was man sich unter einem solchen Zusammenhalt vorzustellen hat. Wenn damit eine genuine innere Solidarität gemeint ist, so ist diese durch die Spannungen und Widersprüche in der Klassenschichtung, in den ethnischen Verhältnissen, in der Beziehung von Staat und Religion, in der Interaktion zwischen Juden und Arabern, in den demographischen Verschiebungen angesichts der Masseneinwanderungen in den neunziger Jahren, vor allem aus der ehemaligen Sowjetunion, von Grund auf erschüttert worden. Der Zusammenhalt, insofern er in modernen Gesellschaften überhaupt noch vorausgesetzt werden darf, speist sich in Israel primär durch die äußere Bedrohung des Landes bzw. durch deren ideologische Instrumentalisierung.
Abgeschwächt hat sich in diesem Zusammenhang der Stellenwert, den früher die Shoah und der Antisemitismus innehatten. Auch die Bedrohung durch große regionale Kriege, wie die der Jahre 1948, 1956, 1967 und 1973, spielen seit dem Frieden mit Ägypten und Jordanien inzwischen eine eher mindere Rolle. Umso mehr dafür der Guerillakrieg, wie man ihn im zweiten Libanonkrieg 2006 zu bewältigen hatte, und der periodisch auflodernde palästinensische Terror. Ob ein solch negativ bewirkter "Kitt" längerfristig halten kann, wage ich zu bezweifeln.

ZEIT online: Mit anderen Worten: Der Friedensprozess mit den Palästinensern gefährdet die gesellschaftliche Solidarität ?

Zuckermann: Der Friedensprozess mit den Palästinensern bildet für meine Begriffe den Kern des gesamten Nahostkonflikts. Sollte er erfolgreich sein, d.h. also zunächst die Zwei-Staaten-Lösung erfolgreich verwirklichen können, wird er das gesamte Konflikt- und Spannungsfeld des Nahen Ostens revolutionieren können. Dies hat freilich zur Voraussetzung, dass Israel zum Rückzug aus dem allergrößten Teil der von ihm besetzten palästinensischen Gebiete bereit wäre, zum Abbau der Siedlungen, zur Lösung der Jerusalemfrage im Sinne des Zwei-Staaten-Friedensbeschlusses und zu einem politisch ausgehandelten Abkommen über das Rückkehrrecht der Palästinenser. Für Israel stellt sich dabei die Wahl zwischen Skylla und Charybdis. Denn der Beschluss, das Westjordanland zu räumen, würde zu immensen innerisraelischen Konflikten mit unabsehbaren Folgen für den inneren Zusammenhalt des Landes, bis hin zur Gefahr von bürgerkriegsähnlichen Situationen, führen.

ZEIT online: Und im umgekehrten Fall: Was würde Ihrer Meinung nach passieren, wenn dies nicht geschieht?

Zuckermann: Ein Verharren im Okkupationszustand führt unweigerlich zur Entstehung einer binationalen Struktur mit der möglichen Perspektive, dass Juden früher oder später zur Minderheit im eigenen Land werden. Wenn man dies nicht will, kommt man an der Aufhebung der Besatzung nicht vorbei. Zum Frieden gehört mindestens genauso viel Mut wie zum Krieg.

ZEIT online: Wie kommt es, dass es um die israelische Linke, beziehungsweise das Friedenslager, so still geworden ist?

Zuckermann: Das hat seinen Hauptgrund darin, dass es innerhalb der zionistischen Linken in Mode gekommen ist, von den Palästinensern enttäuscht zu sein, weil sie nicht so "ticken", wie es die israelische Linke gern hätte. Schließlich wusste man auf israelischer Seite ja schon immer, was das Beste für die Palästinenser sei; dagegen war auch die zionistische Linke nie gefeit. Das soll natürlich nicht heißen, dass die Palästinenser ihrerseits über die Jahre keine gravierenden Fehler begangen hätten. Nur darf man eben nie vergessen, unter welchen Bedingungen sie zu handeln haben - nämlich denen einer fortwährenden repressiven Besatzung.
Es obliegt daher in erster Linie Israel, den Friedensdurchbruch zu erzwingen; Israel hat die wichtigen Karten in der Hand, um diesen herbeizuführen. Ob Israel freilich den Preis für den Frieden zahlen möchte, ist ganz und gar nicht ausgemacht - und dieser Zweifel nimmt die israelische Linke nicht aus. Man muss den Frieden mit den Palästinensern nicht nur wollen, sondern der Friede muss für die Palästinenser auch akzeptabel sein. Das kam vielen Linken Israels nie in den Sinn; sie hatten stets ihre eigenen Vorstellungen davon, was für die Palästinenser akzeptabel zu sein hätte. Und als sich diese Vorstellungen als nicht leicht durchführbar erwiesen, gab man sich ohne Zögern der "Enttäuschung von den Palästinensern" hin. Seit dem Zusammenbruch des Oslo-Prozesses und dem Ausbruch der zweiten Intifada sieht man sich in dieser "Enttäuschung", die den Rückweg in den ach so behaglichen nationalen Konsens geebnet hat, nur noch bestätigt.

ZEIT online: Glauben Sie an den Frieden?

Zuckermann: Ich glaube nicht, dass ich (oder sonst jemand, der es mit Israel ernst meint) den Luxus haben kann, nicht an den Frieden zu glauben. Israel wird längerfristig nur unter friedlichen Bedingungen in dieser Region, in der es nun mal gegründet worden ist, existieren können. Dabei geht es weniger um die Frage, ob Israel militärisch zu bezwingen ist. Meines Erachtens kann kein Staat im Nahen Osten Israels Existenz ernsthaft bedrohen, ohne seine eigene aufs Spiel zu setzen. Das dürfte allen Protagonisten in dieser hochexplosiven Weltgegend klar sein. Aber ein permanenter Zustand äußerer Bedrohung und innerer Unsicherheit mit immer wieder auflodernden Gewalteskalationen im Kampf mit den Palästinensern und ihren Verbündeten dürften die israelische Bevölkerung auf Dauer so stark strapazieren, dass es zu zunehmender Auswanderung, zum brain drain, zur massiven Kapitalflucht kommt. Die Folgen für die innere Stabilität des Landes wären in der Tat unabsehbar. Nur irrationale Ideologen können es sich erlauben, nicht an den Frieden zu glauben.

ZEIT online: Sie haben im vergangenen Jahr einen Artikel über das Phänomen des Apolitischen im Politischen geschrieben. Können Sie darauf bezogen erläutern, was das für die israelische Politik heute bedeutet?

Zuckermann: Das Apolitische der politischen Stagnation erweist sich für mich darin, dass man die Dringlichkeit des Friedens für den israelischen Staat nicht ernst genug nimmt. Man hat sich nach dem Junikrieg 1967 nun mal übernommen: Man war nicht klug genug, sich der eroberten Gebiete sogleich wieder zu entledigen; man durfte sie aber auch nicht annektieren, und so ließ man sich auf den widersprüchlichen Zustand einer permanenten Ausbreitung durch illegale Besiedlung des besetzten Landes ein, obwohl man sich gleichzeitig unterschwellig bewusst war, dass das Siedlungswerk nur temporär sein kann, wenn es illegal bleibt - was es, völkerrechtlich gesehen, notwendigerweise auch bleiben musste. Man hat sich auf diesem Weg international ins Abseits manövriert, aus dem man heute nicht mehr rauskommt. Denn der Rückzug scheint aus oben erwähnten Gründen bedrohlich, aber es ist mindestens genauso bedrohlich, zu bleiben. Und so verharrt man im Nichtstun, welches zudem auch noch ideologisiert wird, und handelt dabei so apolitisch, wie es schlimmer nicht kommen kann. In der politischen Bewegungslosigkeit lauert die Katastrophe.

Die Fragen stellte Wiebke Eden-Fleig

Verdinglichte Sühne

Erschienen am 29.11.2008 in "Junge Welt"

Verdinglichte Sühne

Von Interessen und Befindlichkeiten. Anmerkungen zu den deutsch-israelischen Beziehungen

Von Moshe Zuckermann

Das von Deutschen an Juden im 20. Jahrhundert Verbrochene hat die Beziehungen zwischen beiden Kollektivitäten seit 1945 nachhaltig geprägt. Die Feststellung ist trivial: Zu erdrückend das Grauen des »Zivilisationsbruches«, zu unfaßbar »das schwarze Loch Auschwitz«, als daß es anders hätte sein können. Die Ohnmacht der Begriffslosigkeit fürs präzedenzlose Ereignis griff indes so sehr um sich, daß die Monstrosität des jüngst Geschehenen zunächst von beiden Kollektivitäten weitgehend beschwiegen wurde. Ob dies Beschweigen seine Notwendigkeit darin hatte, daß es für Überlebende wie Täter möglicherweise zu früh war, sich dem Unfaßbaren zu stellen, muß hier unerörtert bleiben. Psychisch – auch kollektivpsychisch – ist durchaus nachvollziehbar, daß der »Neubeginn« für Täter und Opfer, das Aufschlagen einer »neuen Seite« im je eigenen Leben als Individuen oder als Gesellschaft, mit einer zumindest temporären Geschichtsvergessenheit einherging. Das muß man nicht goutieren, um es dennoch begreifen zu können.

Über diese elementare Einsicht hinaus ist allerdings bis heute unreflektiert geblieben, daß die Beziehungen zwischen Juden und Deutschen seit 1945 einem spezifischen Tabu unterworfen wurden, namentlich dem eines für moralisch ausgegebenen Paradigmas. Das mag sich zunächst selbstverständlich ausnehmen: Wo die historische Rollenverteilung von Tätern und Opfern so eindeutig in Erscheinung getreten war, wo die von Menschen an Menschen begangenen Gewaltverbrechen so unerhört gewesen waren, zwingt sich die Sinnwelt von Schuld, Schuldzuweisung und Schuldbekenntnis nachgerade von selbst auf. Und doch darf in Zweifel gezogen werden, daß Moral der Auseinandersetzung mit der Unsäglichkeit von Auschwitz je adäquat war. Nicht von ungefähr hat gerade Adorno, der den neuen kategorischen Imperativ für die Menschen »nach Auschwitz« formulierte – »ihr Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe« –, die diskursive Begründung dieses Postulats infrage gestellt, indem er aufs Geistferne, den »unerträglichen physischen Schmerz«, verwies, und Moral, wenn überhaupt, nur im Abscheu vor diesem, also im schieren Materiellen, zulassen wollte: »Nur im ungeschminkt materialistischen Motiv überlebt Moral«. Das hatte viel mit der Forderung einer Einrichtung von Gesellschaft, in der die sozialen Strukturen von Herrschaft und Gewalt historisch überwunden wären, zu tun. Was aber konnte dies für die konkrete Beziehung zwischen Deutschen und Juden »nach Auschwitz« bedeuten? Welche andere Maßgabe durfte man ihr entnehmen, als die triviale, daß Juden von deutscher Hand kein Leid mehr widerfahren dürfe? Und weil die Banalität dieser Konsequenz zum Himmel schrie, der Beginn der »Aufarbeitung der Vergangenheit« zudem noch in weiter Ferne lag, tabuisierte man das Moralische, indem man es im Dunstbereich des Unberührbaren, mithin Unreflektierbaren beließ, »die Juden«, die ja aus Deutschland verschwunden waren, abstrahierte und die Beziehung zu ihnen auf eine Ebene lenkte, die sich im Wortsinne auszahlte.

Pekuniärer Tauschvertrag
Die 1948 erfolgte Errichtung Israels als Judenstaat spielte in diesem Zusammenhang eine gravierende Rolle. Daß die BRD diese nationale Neugründung als Partner zur Aushandlung eines Tauschwerts für das zu »bewältigende« historische Grauen auserkor, galt von Anbeginn als unhinterfragbar. Der bedenkenswerte Umstand, daß es sich bei Israel um einen Staat handelte, der zur Zeit des Menschheitsverbrechens noch gar nicht existiert hatte, fern von den Orten der Verbrechen errichtet wurde und nachmals nur einen Teil der überlebenden Opfer zu seinen Bürgern zählen sollte, wurde von der geschichtsträchtigen zionistischen Deutung des Gründungsaktes als Erschaffung einer nationalen Zufluchtsstätte für das verfolgte jüdische Volk, dessen historische Leiderfahrung in Auschwitz zur Kulmination gelangt war, ideologisch verschlungen. Die Shoah hatte sozusagen den empirischen »Beweis« für die Berechtigung des zionistischen Postulats einer Aufhebung allen jüdischen Lebens in der Diaspora erbracht, mithin die Ausrufung eines Judenstaates zur geschichtlichen Notwendigkeit werden lassen.

Ob der Zionismus im nachhinein seiner historischen Mission gerecht geworden ist, soll hier nicht erörtert werden; 60 Jahre israelischen Bestehens lassen im Hinblick darauf zunehmend Bedenken aufkommen. Als klar dürfte hingegen gelten, daß die 1952 abgeschlossenen Abkommen zwischen dem westdeutschen Staat und Israel zunächst und vor allem auf eine Materialisierung der Sühne hinausliefen. Daß sich Nachkriegsdeutschland dabei im moralischen Schein vermeintlicher »Wiedergutmachung« sonnen durfte, ist die eine Sache; daß der Judenstaat sich darauf einließ, die andere. Bedenkt man zudem, daß das selbst noch vielerorts in Ruinen liegende Deutschland gar nicht so sehr erpicht darauf war, »das viele Geld« zu zahlen, und daß die Annahme des pekuniären Handels auch im öffentlichen Diskurs der jungen israelischen Gesellschaft mitnichten glatt verlief (Ben-Gurion sah sich gar genötigt, seinen Verhandlungspartner als ein »anderes Deutschland« zu preisen), erhebt sich doch die Frage, wie es dazu kam, daß das Land der Täter, welches Auschwitz verbrochen hatte, und das Land der Opfer, das sich als Zufluchtsstätte aller verfolgten Juden der Welt verstand, ganze sieben Jahre nach der Befreiung von Auschwitz zu einem solchen Tauschvertrag gelangten.

Mit Moral hatte dies nur in einem zynischen ideologischen Sinne etwas zu tun. Denn was auf der Tagesordnung stand, war die im Rahmen des ausgebrochenen Kalten Krieges zu befestigende Neuordnung der Welt und die mit dieser neuen Weltteilung einhergehende Ortsbestimmung Deutschlands, welches es freilich alsbald zweifach geben sollte. Einzig aus diesem geopolitischen Zusammenhang ist zu erklären, daß nicht Henry Morgenthaus Vision, Deutschland zum Agrarland degenerieren zu lassen, sondern George C. Marshalls Plan, dem westlich besetzten Deutschland wirtschaftlich wieder zum Aufschwung zu verhelfen, Gehör und Aufnahme fand. Die westdeutsche Republik sollte als Bastion des Westens gegen den expandierenden Kommunismus errichtet und gestärkt werden. Mit dieser Funktionalisierung Deutschlands im Kontext der Konsolidierung des globalen Blocksystems ging allerdings einher, daß das jüngst erst als Naziregime zusammengebrochene Deutschland wieder als geläutertes in die »Völkergemeinschaft« aufgenommen werden mußte, was – abgesehen von diversen »Entnazifizierungs«-Maßnahmen und anderen äußeren Purifizierungspraktiken – nicht zuletzt auch mit dem staatsoffiziellen Willen zur »Wiedergutmachung« des an den Juden Verbrochenen demonstriert werden sollte. Der gerade zu jenem Zeitpunkt gegründete Judenstaat bot sich dafür wie von selbst an. Abgesehen von den privaten »Entschädigungen« konnte an ihm das Verlorene abbezahlt werden.

Israels objektive Abhängigkeit
Und Israel? Wie reagierte das Land, das aus der Shoah entstanden war? Nun, Israel konnte das Geld nur zu gut gebrauchen. Eine bald schon einsetzende Masseneinwanderung (vor allem aus den orientalischen Ländern), die Notwendigkeit, schnellstmöglich eine Infrastruktur für das zivile Leben zu schaffen, nicht minder aber auch der Bedrohung durch die feindlichen arabischen Nachbarländer mit der Bildung einer schlagkräftigen Armee zu begegnen, steigerten Israels objektiv vorgegebene Abhängigkeit von massivem Kapitalimport zur akuten Krise, die ihre katastrophale Wirkung auch auf die schiere Existenzfähigkeit des Landes haben mochte. Es ist, so besehen, nachvollziehbar, daß Ben-Gurion pure Zweckrationalität walten ließ und sich weder von den emphatischen Demonstrationen gegen die Abkommen auf seiten der rechten Revisionisten der israelischen Politlandschaft, Begins Cherut-Partei, noch von den lautstarken Protesten der sozialistischen Zionisten und antizionistischen Kommunisten beirren ließ. Die Finanzierung des zionistischen Staatsprojekts mußte für ihn, den Gründer und führenden Staatsmann Israels jener Jahre und pragmatischen Führer einer aktivistischen politischen Tradition, den absoluten Vorrang vor jedweder moralischen Erwägung wahren.

Nur verständlich also, daß man sich beidseitig auf den Handel einließ: Deutschland zahlte, und Israel ließ sich bezahlen. In der spezifischen Konstellation jener Tage war besagte Instrumentalisierung von Vergangenem für ein Gegenwärtiges, das sich dem jüngst Geschehenen zu entschlagen suchte, vielleicht sogar unumgehbare Notwendigkeit. Zu verurteilen war dies nur sehr bedingt. Nur muß man sich dabei stets klar vor Augen halten, daß das, was als Basis der Beziehung beider Staaten gelegt worden war, mutatis mutandis auch das Grundmuster für die folgenden Jahrzehnte geschaffen und verfestigt hat. Beziehungen, die auf zweckrationalem Tausch basieren und objektiv vorherrschende Ressentiments, Mißtrauen und Haß bewußt in Klammern setzen, dürfen nicht als etwas apostrophiert sein, was sie nicht sind und vielleicht über viele weitere Jahrzehnte nicht sein werden: Sie haben nichts mit Moral zu tun, sondern nur mit ihrer Ideologisierung und der Verdinglichung von Schuld, Schande und Scham durchs Tauschprinzip, das tendenziell alles austauschbar werden läßt. Wenn also die deutsche Kanzlerin im Jahre 2008 vor der israelischen Knesset proklamiert, die historische Verantwortung, mithin Israels Sicherheit, sei Teil der Staatsräson ihres Landes, dann stimmt das insofern, als dieses Ideologem in der Tat die Politrhetorik (West)deutschlands in den letzten 60 Jahren bestimmte, ist aber im übrigen hohles Gerede: Deutschland hat die Möglichkeit, seine historische Verantwortung (Juden gegenüber) zu bezeugen, sechsmillionenfach verwirkt; es kann (an Juden) nichts »wiedergutmachen«, schon gar nicht, wenn es meint, »Juden« mit »Israel« gleichsetzen bzw. umtauschen zu dürfen. Was Deutschland kann, ist, funktionale bilaterale Beziehungen zu Israel unterhalten, wobei noch zu erörtern wäre, was für ein »Israel« in diesem Zusammenhang gemeint ist: das reale Israel, das unter anderem seit über vierzig Jahren ein brutales Okkupationsregime betreibt, mithin von großen Widersprüchen und Zerrissenheiten durchsetzt ist, oder das »Israel«, das sich abstrakt aus der »historischen Verantwortung« (den »Juden« gegenüber) ableitet, daher auch als Abstraktes zur Projektionsfläche für Befindlichkeiten von Deutschen, die mitunter noch immer nicht wissen, wo sie mit der »Dauerpräsentation unserer Schande« (Walser) hin sollen, gerät.

Regressive Reaktionen
Das will mitnichten besagen, daß es keine alternative, kleininstitutionelle, private und individuelle Auseinandersetzungen mit der verbrecherischen deutschen Vergangenheit und den aus ihr bezogenen Moralkategorien gegeben habe. Die nicht zuletzt lebensweltlich bedeutende historische Leistung von »Aktion Sühnezeichen« soll nicht in Abrede gestellt werden. Ja, man kann durchaus auch die zentrale Ausrichtung der massenbewegten studentischen Revolten in der BRD der 1960er Jahre dazu zählen (zumindest die Fragen, die man diesbezüglich an die wirtschaftswunderlich »normalisierte« Generation der Eltern zu stellen wagte). Aber selbst die ehrlich Bemühten und Wohlmeinenden kamen nicht aus dem Zirkel des in den Anfangsjahren Israels und Westdeutschlands richtungsweisend etablierten Musters von zweckrationalem Tausch, befindlichkeitsgesteuerter Projektion und zu starrer Ideologie verkommener Moral heraus. Und wenn heute sogenannte Antideutsche glauben, ihre nationalen Identitätsprobleme als in Deutschland lebende Deutsche durch eine überspannte »Israel-Solidarität«, abstruses Schwenken von Israel-Fahnen und sonstiges ideologisches Getue, das durch ein falsch verstandenes Nie-wieder-Deutschland über »Israel« an den »Juden« etwas historisch »wiedergutzumachen« vermeint, überwinden zu können, dann sind das im besten Fall gutwillige Ignoranten, im großen Ganzen aber doch eher Gesinnungsschmarotzer, die ihr unreflektiertes Identitäts- und Befindlichkeitsdefizit in eine moralisch sich wähnende, letztlich regressive politische Reaktion kanalisieren, ohne sich bewußt zu werden, daß sie durch die Ersetzung des Antisemitismus durch Islamophobie gerade das Andenken jener mißbrauchen und kontaminieren, in deren Namen sie meinen, sprechen zu dürfen und derer sie sich projektiv bedienen, um sich selbst zu setzen.

Aber in Deutschland tobt doch wieder der Antisemitismus! – hört man die Empörung aus ihren Reihen schallen. Wobei man freilich bei ihrer Verwendung des Begriffs »Antisemitismus« unwillkürlich an Charlie Chaplin gemahnt wird, der in »Der große Diktator«, Hitlers rhetorisches Gehabe karikierend, beim Wort »die Juden«, welches er gerade selbst ausgesprochen und sich vorgegeben hat, in einen überschäumenden Tobsuchtsanfall gerät. Um es vorweg klarzustellen: Antisemitismus hat es in der alten Bundesrepubik wie im nunmehr vereinten Deutschland immer gegeben. Er tobt nicht wieder, vor allem aber tobt er nicht, sondern hält sich eben in den Grenzen jener offenbar unausrottbaren Dimension, die es ihm ermöglicht fortzuwesen, ohne aber einem einzigen in Deutschland lebenden Juden in den Sinn kommen zu lassen, Deutschland seinetwegen verlassen zu wollen. Ganz im Gegenteil hat sich die Anzahl der Juden in Deutschland seit Zusammenbruch des Sowjetkommunismus in den letzten achtzehn Jahren vermehrfacht.

Abgekartetes Spiel
Antisemitismus in diversen Formen gibt es in Deutschland, aber er ist ein gezügelter, weil tabuisierter Antisemitismus. Will man sich mit einem realen sozialen, freilich nicht nur Deutschland betreffenden Problem auseinandersetzen, so wären die gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Zusammenhänge der in Deutschland grassierenden Fremdenfeindschaft (samt der ihr inhärierenden rassistischen Tönungen) zu konfrontieren. Wenn nun aber der Bundestag meint, einen besonderen Antisemitismus-Beauftragten einsetzen zu sollen, dann scheint dies mit vielerlei zu tun zu haben, nur nicht mit einer vom real herrschenden Antisemitismus ausgehenden Bedrohung, geschweige denn mit einer ernstzunehmenden Absicht, diese zu bekämpfen. Denn der Antisemitismus läßt sich weder in Deutschland noch sonstwo in der Welt administrativ, mithin durch einen offiziell vollzogenen Verwaltungsakt, angehen. So wie sich das Stammtischgedröhn stets einen feuchten Kehricht um anti-antisemitische Gutmenschlichkeit deutscher Bürger geschert hat, so wird der latente oder auch manifeste Antisemitismus seine miese Fratze zu wahren wissen, ohne sich mit seinem bürokratisch-legalen Verbot anzulegen.

Indes, selbst die beabsichtigte Antisemitismus-Resolution des deutschen Bundestags fördert zutage, wes Geistes Kind hier am Walten ist und welche fremdbestimmten Motive die vermeintlich resolute politische Tathandlung antreiben: Bedrohung der Juden schon, Antisemitismusbekämpfung auch, aber doch nicht so sehr, daß man sich überwinden könnte, die Beteiligung der Linksfraktion an einer parteiübergreifenden Initiative zuzulassen. Antisemitische Kräfte gebe es in der Linkspartei, tönt es aus den Reihen der CDU. Gysi zeigt sich enttäuscht über das Verhalten von SPD, FDP und den Grünen. Und er hat allen Grund dazu: Haben nicht gerade er und andere führende Personen seiner Fraktion in den letzten Monaten den linken kritischen Kurs in der Nahost- bzw. Israelfrage zu moderieren, wenn nicht gar gänzlich zu entsorgen gesucht? Hat nicht gerade er die Einsicht bezeugt, daß man keinen Einzug in den gesamtdeutschen Konsens erhoffen darf, wenn man nicht die Hürde dezidierter Israel-Solidarität nimmt und letztere wortstark und gesinnungsgestählt proklamiert? Beim Antrag geht es zwar um die Antisemitismusbekämpfung in Deutschland, aber ausdrücklich wird in ihm zugleich – wie selbstverständlich – die Solidarität mit Israel als »unaufgebbarer Teil der deutschen Staatsräson« hervorgehoben. »Wer an Demonstrationen teilnimmt, bei denen Israel-Fahnen verbrannt und antisemitische Parolen gerufen werden, ist kein Partner im Kampf gegen den Antisemitismus. Die Solidarisierung mit terroristischen und antisemitischen Gruppen wie der Hamas und der Hisbollah sprengt den Rahmen zulässiger Kritik an der israelischen Politik.«

Verabschiedet werden sollte der Antrag bekanntlich vor dem 9. November, dem 70. Jahrestag der Pogromnacht, und so wird – deutschbefindlich wie eh und je – alles mit allem vermengt, ersetzt und ausgetauscht. Denn wenn der Antisemitismus so virulent ist, bedarf seine Konfrontation keines staatstragenden geschichtlichen Datums. Geht es aber um die Symbolhandlung geschichtlichen Gedenkens, dann hat die krämerische parteipolitische Rangelei zu verstummen. Aber es geht eben weder ums eine noch ums andere, weder um die Bekämpfung des Antisemitismus noch um die Erinnerung an mörderische Gewalt und historische Leiderfahrung – um alte Abrechnungen der Rechtskonservativen mit »den Linken« geht es auf der einen Seite, und um die Eroberung eines legitimen Platzes am nationalen Stammesfeuer Deutschlands auf der anderen. Und was eignete sich dafür besser, als »Antisemitismus« und »Israel«, unabhängig davon, was diese Begriffe mittlerweile bezeichnen und beinhalten, zum bestgeprüften Kriterium deutscher Staatsräson avancieren zu lassen. Es gab Zeiten, in denen es Altkommunisten noch zur Ehre gereicht hätte, von der raunenden CDU ausgegrenzt zu werden. Die Zeiten sind vorbei. Die CDU setzt sich selbst, indem sie die Linkspartei ausgrenzt, und die Linkspartei gibt sich offizieller Gekränktheit darüber hin, daß sie konsensuell ungeliebt bleibt – ein abgekartetes Spiel, bei dem die Rollenverteilung von vornherein festgelegt und bekannt ist.

Anmaßung der CDU
Was aber hat die Pogromnacht von 1938 (in Israel ein eher unterbelichtet gebliebenes Geschichtsereignis) mit dem heutigen Antisemitismus zu tun? Will man allen Ernstes behaupten, es bestehe eine von der »Reichskristallnacht« über Auschwitz bis zum Antisemitismus heutiger Couleur führende lineare Verbindung? Will man wirklich suggerieren, die Verbrennung israelischer Fahnen durch Hamas- und Hisbollah-Anhänger ließe sich auch nur entfernt mit den Exzessen vom November 1938 vergleichen? Weiß man in Deutschland wirklich nicht, daß der Rassenantisemitismus der NS-Faschisten, der in Deutschland fortwesende Antisemitismus im Jahre 2008 und der (eventuell auch antisemitisch durchsetzte) Antizionismus der Hamas und der Hisbollah aus grundverschiedenen historischen Konstellationen und Kontexten erwachsen sind? Ist man mit der Banalisierung von Auschwitz (und selbst noch des organisierten Pogroms von 1938) inzwischen schon so weit, daß der aktionistische Politfurz einer Verbrennung der (israelischen) Nationalfahne zum Kriterium gedenkender Geschichtserinnerung, welches sogar in eine staatsoffizielle Resolution gegen den Antisemitismus Eingang finden soll, erhoben wird?

Wer noch immer nicht den Unterschied zwischen Judentum, Zionismus und Israel, mithin zwischen Antisemitismus, Antizionismus und Israel-Kritik begriffen hat, wird zwangsläufig miteinander vermengen, was auseinandergehalten gehört. Israel führt einen erbitterten Kampf gegen Hamas und Hisbollah; dieser hat seinen historischen Ursprung sowie seine aktuelle Begründung in der nahöstlichen Geopolitik und im israelisch-palästinensischen Konflikt, nicht im Antisemitismus als solchem, schon gar nicht in einem dem abendländischen vergleichbaren Antisemitismus. Traditionell war der Antisemitismus primär Erbteil rechter politischer und sozialer Gesinnung; es gab ihn zwar auch in der Linken, aber in keinem mit dem, was er im »Nationalsozialismus« an Verbrechen gezeitigt hat, annähernd vergleichbaren Ausmaß. Die CDU, unter deren Regime während der restaurativen Adenauer-Ära der 1950er Jahre beträchtliche Teile der wirtschaftlichen, politischen und akademischen Eliten des NS-Faschismus gleitend in die »Normalität« der alten BRD übergehen durften, ist die letzte Partei, die es sich leisten kann, linke Institutionen von der Unterzeichnung einer, wie immer gearteten, Resolution zur Bekämpfung des Antisemitismus auszugrenzen. Eine solche Resolution ist kein geeignetes Forum für das ideologische Nachspiel einer anachronistischen Spätaufarbeitung der Teilung Deutschlands. Vor allem aber sollten sich resolutionsfreudige Deutsche davor hüten, ihre befindlichkeitsgeschwängerte Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus über ein fetischisiertes »Israel«-Bild und eine interessengeleitete Abstraktion von Juden und Zionismus zu betreiben. Allzu leicht könnten sie sich (wieder einmal) in jenem sich seit 60 Jahren reproduzierenden ideologischen Muster verfangen, welches weder zum Besten der Juden noch zu dem des realen existierenden Israel gereicht.


Der Soziologe Prof. Moshe Zuckermann lehrt seit 1990 am Cohn Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas (Universität Tel Aviv) und war von 2000 bis 2005 Direktor des Instituts für Deutsche Geschichte in Tel Aviv. Zuletzt erschien von ihm »Zeit der Lemminge. Aphorismen«, Passagen Verlag, Wien 2007, 144 S., 16,90 Euro (dieser und andere Titel des Autors auch im jW-Shop erhältlich)