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Apologet der Herrschaft

Erschienen in "Junge Welt"am 16.10.09

Apologet der Herrschaft

Politische Demaskierung einer radikal-aristokratischen Philosophenlarve

Rezension von Domenico Losurdo, Nietzsche der aristokratische Rebell. Intellektuelle Biographie und kritische Bilanz, 2 Bde., Argument/Inkrit, Berlin 2009, 1061 Seiten

Von Moshe Zuckermann

Es gibt Bücher, die man nur schwer rezensieren kann, weil die in ihnen geleistete Forschungsarbeit so umfassend und die sie kennzeichnende Denkanstrengung so beeindruckend sind, daß man sich scheuen mag, dem komplexen Werk durch die ihrem Wesen nach auf lapidare Verkürzung hinauslaufende Besprechung unrecht zu tun. Ein solches Buch ist Domenico Losurdos zweibändiges Opus Nietzsche der aristokratische Rebell. Intellektuelle Biographie und kritische Bilanz, welches 2002 erstmals in Italien erschienen ist und nunmehr in deutscher Übersetzung vorliegt. Es handelt sich um eine Meisterleistung, der nicht von ungefähr bereits bescheinigt worden ist, einen Meilenstein der Nietzsche-Rezeption darzustellen, eine wissenschaftliche Errungenschaft, welche bald schon zum Standardwerk in diesem Bereich der europäischen Geistesgeschichte avancieren dürfte. In der Tat wird künftig niemand, der sich mit der politischen Dimension des nietzscheschen Denkens befaßt, an diesem Buch vorbeikommen. Es setzt neue Maßstäbe; zu schlüssig, zu prägnant seine analytischen Koordinaten, als daß man es je wird ignorieren dürfen. So soll denn das Werk auch hier nicht im eigentlichen Sinne rezensiert werden; es seien vielmehr einige Überlegungen angestellt, was es fürs generelle Nietzsche-Verständnis bzw. für unser Verhältnis zu diesem verstörend herausragenden Denker des deutschen 19. Jahrhunderts fortan bedeuten mag.

Skeptisch wird man sich freilich fragen wollen, was nach einer langen, beladenen, mithin höchst kontroversen Nietzsche-Rezeption, welche bereits im 19. Jahrhundert ansetzte, dann aber das gesamte 20. Jahrhundert durchzog, noch groß über das Denkgebäude des Philosophen herausgefunden werden kann. Was kann man schon Neues über ihn sagen, das nicht bereits in der einen oder anderen Form tangiert worden wäre? Domenico Losurdo ist sich dessen wohlbewußt, macht sich aber gerade diesen offensichtlichen Rezeptionsüberschuß zunutze, indem er die reiche Nietzsche-Exegese auf zwei zentrale Grundmuster reduziert, um sich mit ihnen dann tausend Seiten lang auseinanderzusetzen. Zum einen kritisiert er die allzu eilfertige Deutung Georg Lukács', derzufolge sich die "Zerstörung der Vernunft" als ein von Schelling (vor allem) über Nietzsche bis hin zu Hitler führender "Weg des Irrationalismus" vollzogen habe, eine Deutung, die sich mittlerweile zu einer Art Paradigma verfestigt hat und bis heute als schärfste Nietzsche-Kritik gelten darf. Die direkte Linienziehung zwischen dem Philosophen und dem NS-Regime weist Losurdo als arg verkürzt und unhaltbar ab. Zum anderen attackiert er aber die vorherrschende Nietzsche-Verharmlosung an, jenen (hegemonialen) Rezeptionsstrang, der sich stets auf eine Apologie des Denkers ausrichtet, und zwar selbst dort, wo der "Philosoph mit dem Hammer" Ungeheuerliches äußert und Entsetzliches postuliert. Besonders schön (und längst fällig) in diesem Zusammenhang die Entlarvung der Behauptung, Elisabeth, die Schwester des Denkers, habe dessen Schriften im Sinne der ideologischen Bedürfnisse der Nationalsozialisten entstellend redigiert, als geistesgeschichtlichen Mythos. Die "Hermeneutiker der Unschuld" entblödeten sich nicht, die Schuld an der vorgeblich verzerrten Nietzsche-Rezeption (seine teils schlimmen Aussagen seien als Metaphern, Allegorien und Symbole zu verstehen) der Schwester zuzuschieben, ohne sich dabei aber Rechenschaft darüber abzulegen, was sie ihr mit einer solchen Behauptung für einen philosophie- und ideologiegeschichtlichen Stellenwert objektiv beimessen.

Losurdo schlägt einen anderen Weg ein. Doktrinäre Schuldzuweisung und ideologische Verharmlosung gleichermaßen von sich abweisend, unternimmt er es – marxistisch geschulter Ideologiekritiker, der er ist –, Nietzsches Denkgebäude historisch zu kontextualisieren und dessen politisch-soziale Matrix Schritt für Schritt zu rekonstruieren. Dabei begnügt er sich nicht mit der synchron-motivischen Durchforstung des nietzscheschen Denkuniversums, sondern zeichnet auch die Odyssee der diachronischen Ideologieentwicklung des Denkers nach, die Etappen und radikalen Wenden auf dem Weg zur Heranreifung des "späten Nietzsche". Dies ist auch unabdingbar. Denn bei keinem Denker der Neuzeit finden sich so eklatante Turbulenzen, geistige Umbrüche und paradigmatische Neuanfänge wie bei ihm, was nicht zuletzt dazu geführt hat, daß sich sein Gesamtwerk wie ein gigantisches Kompendium von heterogenen Einsichten, gegensätzlichen Meinungen und höchst widersprüchlichen Postulaten ausnimmt. Nicht von ungefähr schrieb Tucholsky im Jahre 1932: "Wer kann ihn nicht in Anspruch nehmen! Sage mir, was Du brauchst, und ich will Dir dafür ein Nietzsche-Zitat besorgen […]. Für Deutschland und gegen Deutschland; für den Frieden und gegen den Frieden; für die Literatur und gegen die Literatur". Wohl wahr, aber damit kann man sich ideologiekritisch nicht begnügen. Und so listet Losurdo zwar alle Ungereimtheiten, Aberwitzigkeiten und Aporien in Nietzsches Denken sorgfältig auf, aber eben stets im Hinblick auf die ideologische Grundmatrix, die all diesen geistigen, kulturellen und intellektuellen Einfällen und Blitzen zugrundeliegt und auf der sie sich letztlich doch schlüssig ordnen lassen; und diese Grundmatrix – darin wäre eine der herausragenden Leistungen von Losurdos Werk zu sehen – ist zutiefst politisch, und zwar nicht nur in einem abtrakten Sinne (der Stellung des Menschen in der Welt etwa), sondern tagespolitisch angetrieben, zeitgeschichtlich bewußt und empirisch beflügelt. Die Brisanz dieser politischen Emphase erweist sich gleichwohl daran, daß sie sich einem menscheitsgeschichtlich sich verstehenden Werte- und Gesinnungsfundament verschwistert weiß. Aktuelles Geschehen (mithin konkreter historischer Kontext) verschmilzt so mit hochkarätiger Philosophie, Feuilletonhaftes mit höchster Daseinsbegrifflichkeit. Analytisch und methodisch insistiert dabei Losurdo darauf, daß bei aller individuellen Genialität Nietzsches und der Idiosynkrasie seines "deutschen" Denkens, seine Denkansätze und geistigen Pirouetten sich allesamt kontextualisieren, mithin in Nietzsches intellektuelle Welt überschreitende Denk- und Kulturtraditionen einbetten lassen. Was damit – gut marxistisch – erreicht wird, ist die sowohl geschichtliche als auch gesellschaftliche bzw. sozialpsychologische Determination des individuellen Denkens, ohne freilich die spezifische Eigenart des Philosophen je in Abrede zu stellen.

Was also findet Domenico Losurdo heraus? Wie läßt sich besagte, dem Gesamtdenken Nietzsches zugrundeliegende Matrix beschreiben? Von den mit großem Entsetzen wahrgenommenen Ereignissen der Pariser Kommune ausgehend, belegt Nietzsche den umfassenden Revolutionszyklus von 1789 – 1830 – 1848 – 1871 mit dem negativen Verdikt einer ganz Europa beschleichenden Katastrophe des Aufstands von plebejischen Pöbelmassen. Die Diagnose dieser Empörungsbewegung weitet er zunächst auf die europäische Aufklärung der Neuzeit aus, um sie dann weiter zurück auf die protestantische Reformation zu verlängern, letztlich aber auf die gesamte jüdisch-christliche Welt, der er gleichwohl auch die sokratische (mithin platonische) philosophische Tradition, welche er als unangemessene erkenntnisbeseelte Tendenz zur Erschütterung hierarchischer Kultur- und Sozialgefüge pejorativ begreift, hinzufügt. Was sich also bei Nietzsche als emphatischer Haß auf "Demokratie" und "Sozialismus" zur wahren Obsession im Konkreten verdichtet und verfestigt, wird in eine zivilisatorische Gesamtentwicklung eingebettet, die ihrerseits zum Paradigma seiner umfassenden Weltwahrnehmung heranwächst. Eine Weltwahrnehmung ist es, die die Notwendigkeit naturgegebener Hierarchie, das Erhabene des Oberen und Minderwertige des Unteren, mithin die Postulierung einer Unabänderlichkeit des qualitativen Unterschieds zur Voraussetzung hat, die aber auch stets die Bedrohung dessen, was es hierarchisch zu erhalten gilt, in der Dauertendenz zur Empörung der "Mißratenen" und "Schlechtweggekommenen" erblickt. Und weil er die normative Absegnung des Aufstands der Elenden in der aufklärerischen Gesamtentwicklung von Sokrates über die jüdisch-christliche Tradition bis hin zur Französischen Revolution und den von ihr ausgehenden Emanzipationsbestrebungen verankert sieht, bekämpft Nietzsche philosophisch all ihre Etappen und Wirkungen, ihre kulturellen Ausformungen und sozial-politischen Postulate. So gelangt der ursprüngliche Schopenhauer-Schüler zur emphatischen Absage an jegliche Form des Mitleids gegenüber menschlicher Leiderfahrung (insofern es sich um die der "Minderen" handelt) und zur Einsicht in die damit einhergehende Notwendigkeit der von ihm so apostrophierten "Umwertung aller Werte", die sich "jenseits von Gut und Böse" als Fundamentalcode menschlichen kollektiven Daseins zu etablieren hätte.

Das alles ist für Nietzsche-Kundige nicht neu. Neu ist gleichwohl der von Domenico Losurdo in seinem gewaltigen Rekonstruktionswerk geleistete Nachweis, daß es sich zum einen um eine allen (wie immer unterschiedlichen) Entwicklungsetappen des nietzscheschen Denkens zugrundeliegende Matrix handelt, zum anderen aber – und das dürfte gravierender sein –, daß es Nietzsche todernst ist mit seiner normativ gerechtfertigten, zutiefst repressiven Weltschau. Bekannt ist sein Postulat, daß die niederen Massen (letztlich der allergrößte Teil der Gesellschaft) schuften sollen, damit eine auserwählte Herren-Elite ohne Arbeit und mit Muße Kultur schaffen und herrschen kann. Weniger bekannt ist hingegen, daß er dabei der Sklaverei mit dezidierter begrifflicher Verve das Wort redete; daß er zur radikalen Eugenik, bis hin zum partiellen Genozid aufrief; daß er dabei mitnichten nur kulturell argumentierte, sondern teilweise einem kruden Biologismus verfiel, und vieles mehr, das man, selbst als erprobter Nietzsche-Leser, mit einiger Bestürzung zur Kenntnis nimmt. Die Leistung Losurdos liegt indes nicht nur im bestens dokumentierten Nachweis all seiner schockierenden Behauptungen, sondern vor allem darin, daß er stets auf den kulturell-politischen Kontext des jeweiligen nietzscheschen Ideologems insistiert. So erweist sich etwa der frühe Nietzsche als ein deutschtümelnder Nationalchauvinist, der sich späterhin zum übernationationalen Europäer läutert. Aber sein Europäertum versteht sich als ein dem Kolonialismus mit Begeisterung beipflichtenden Auftrag der Weltbeherrschung – eine Ideologie, mit der er zu seiner Zeit nicht allein steht. Er läßt zwar von seinem ursprünglichen (von Wagner mitgeprägten) Antisemitismus ab, um sich zum rigorosen Anti-Antisemiten zu verwandeln – nicht aber etwa, weil er zur Erkenntnis gelangt wäre, daß man sich der Diskriminierung und Verfolgung von Rassen, Ethnien und anderer Opfergruppen der Gesellschaft zu entledigen hätte, sondern weil er die eugenische Vorstellung einer Verschmelzung des finanzstarken bürgerlichen Judentums Deutschlands mit der herrschenden Junkerkaste Preußens verfolgte, eine Vorstellung, die mit einem höchst realen, nach der Reichsgründung herrschenden praktischen Opportunismus korrespondierte. Die armen osteuropäischen Juden waren Nietzsche (wie jeder "Pöbel" und alle "Mißratenen") zuwider. Diese und viele andere, das gängige Nietzsche-Bild wesentlich dunkler als gewohnt einfärbende Befunde belegt Losurdos erster Band mit unerschütterlicher Stringenz, wobei nicht nur seine fundierte Quellenkenntnis und allgemeine Belesenheit zutiefst beeindruckt, sondern vor allem die Brillanz seines dialektisch-analytischen und hermeneutischen Vermögens.

Dieser erste Band würde schon ausreichen, um Losurdo höchstes Lob für seine großartige wissenschaftliche Leistung zu ernten. Damit begnügt er sich jedoch nicht, sondern bleibt seinem Vorhaben, Nietzsches Denken zu kontextualisieren und die politische Dimension dieses Denkens zu dekodieren, treu, indem er auch die Rezeptionsgeschichte dieses außergewöhnlichen Denkuniversums ideologiekritisch verfolgt und in sein Werk einbezieht. Sein intellektuell redlicher (wenn man will, "fairer") Zugang erweist sich dabei nicht zuletzt daran, daß er mit großer Akuratesse darzulegen vermag, worin das geistesgeschichtlich Besondere der nietzscheschen Philosophie, mithin ihr unverbrüchlicher Erkenntniswert liegt und woran es weiterhin festzuhalten gilt. So hebt er den von Nietzsche postulierten, das gängige abstrakte Konzept des Liberalismus an psychologischer Tiefe bei weitem übertreffenden Individualismus hervor. Er erkennt auch die Triftigkeit der Erschütterung klassischer epistemologischer Grundannahmen an, also auch die bedeutende Leistung Nietzsches in der Erörterung der psychischen Dimension aller Ideologie, womit er nicht nur einen bedeutenden Beitrag zur Revolutionierung der Erkenntnistheorie, sondern auch zur Psychologisierung der Ideologiekritik leistetete. Überhaupt kann postuliert werden, daß wenn Marx eine herausragende Sozialtheorie, dafür aber keine Psychologie entwickelt hat, Nietzsche Marx dahingehend zur Seite gestellt werden muß, daß er zwar keine stringente Soziologie entwickelt hat, dafür aber umso bahnbrechender im Bereich tiefenpsychologischer Einsichten war. Umso verwunderlicher, daß der ansonsten so vielschichtige und interdisziplinär vorgehende Losurdo sich in seinem monumentalen Werk so gut wie gar nicht auf die geistesgeschichtliche Vorreiterrolle Nietzsches im Hinblick auf die Heraufkunft der Psychoanalyse und den direkten wie indirekten Einfluß des Philosophen auf Freud bezieht. Im tausend Seiten starken Werk wird Freud nur einmal erwähnt und im überreichen Literaturverzeichnis einzig Freuds Monographie über Moses und den Monotheismus angeführt. Dies darf als ein merkliches Defizit im Werk des Italieners angezeigt werden. Denn gerade wenn es um die politische Dimension des nietzscheschen Denkens geht, kann man spätestens seit den Frankfurter Denkleistungen der Kritischen Theorie nicht außer Acht lassen, wie brisant sich Freuds Paradigma auf die Herausbildung der politischen Psychologie im 20. Jahrhundert ausgewirkt hat. Horkheimer und Adorno selbst werden indes von Losurdo lediglich als Quellenbeleg für die Auseinandersetzung mit de Sade angeführt, wo sie doch den kritisch-irritierten Blick auf die Entwicklung der Zivilisation überhaupt und der westlichen Moderne im besonderen – durchaus im Geiste dessen, was schon bei Nietzsche angelegt ist – zu einem der bedeutendsten denkerischen Höhepunkte geführt haben.

Umso resoluter geht Losurdo mit dem Postmodernismus um, der sich bekanntlich in vielerlei Hinsicht auf Nietzsches Philosophie als kronzeugenhaftem Ausgangspunkt für die radikale Kritik dessen, was er als "Moderne" apostrophiert, stützt. Losurdo weist darauf hin, daß man sich spätestens dann den falschen geistigen Vater erwählt hat, wenn man meint, das Spiel der Signifikanten endlos betreiben, mithin sich einer jeglicher Festlegung auf einen Wahrheitsstüzpunkt entledigenden Praxis der Hermeneutik und Interpretation befleißigen zu dürfen. "Foucaults Behauptung", schreibt Losurdo, "wonach Nietzsches späterer Wahnsinn als Metapher der Niederlage gedeutet werden könnte, die der unendlichen und unendlich komplexen Aufgabe der Interpretation innewohne, ist schlechte Literatur". Kriterium sei mithin der "Egoismus" des "gesunden" Menschen, der von dem des "kranken" strikt zu unterscheiden sei. Nietzsche insistiert also auf einen (obendrein physiologischen) Pathologiebegriff, den der Postmodernismus gerade über Bord werfen möchte, wie er denn den Begriff des Subjekts endgültig demontiert wissen möchte, den Nietzsche, gerade aus der Logik des von ihm postulierten "Willens zur Macht" mitnichten abschaffen möchte (bzw. kann). Ähnlich darf sich, Losurdo zufolge, auch das konservative Denken des 20. Jahrhunderts nicht naiv auf Nietzsche berufen. Zu viele Minen sind in seinem Denkgebäude angelegt, die der Konservatismus für seine Kohärenz kaum gebrauchen dürfte, wenn er nicht von innen aufgesprengt werden will.

Vieles ließe sich über das hier bisher Dargelegte hinaus im Hinblick auf Losurdos ideologiekritische Kontextualisierung und Dekodierung des nietzscheschen Denkens im Sinne gängiger Buchbesprechungen anführen. Darauf soll hier aber, wie gesagt, verzichtet werden. Fragen mag man sich gleichwohl, welche Bedeutung dem Fazit von Losurdos gewaltiger Forschungsunternehmung beizumessen sei, wenn man mal davon absieht, daß der schiere Erkenntniswert keiner weiteren Begründung bedarf: Wissenschaft macht man eben um der Wissenschaft willen – was freilich Nietzsche selbst strikt in Abrede gestellt haben würde.

Man könnte sich – ganz im Geiste des nietzscheschen Psychologismus – der von Losurdo so überzeugend erörterten Ungeheuerlichkeiten im Denken des Philosophen über dessen eigene Psyche und Individualexistenz zu nähern versuchen und sich der Frage stellen: Wie ernst kann seine philosophische Tirade gegen jegliches Mitleid genommen werden, wo er selbst seine Anti-Mitleids-Doktrin mit performativer Emphase widerlegte, als er am Ende seines bewußten Lebens beim Anblick eines von einem brutalen Kutscher gepeingten Gauls der geschundenen Kreatur weinend um den Hals fiel und zusammenbrach? So darf man nicht argumentieren, wird man antworten wollen: Die Trennung von Werk und Person sei strikt einzuhalten, zumal Nietzsches idiosynkratische Reaktion kurz vor seinem tragischen Zusammenbruch als pathologisch oder höchstens symbolisch begriffen werden muß. Nietzsche selbst wäre über eine solche Inschutznahme kaum glücklich gewesen, wenn er seine intellektuelle Redlichkeit hätte wahren wollen. Er hätte seine erfahrene Mitleidsreaktion und den nachfolgenden Zusammenbruch für den Ruin seines eigenen "Willens zur Macht" erachten, mithin sich selbst zu den schwachen "Mißratenen" zählen müssen. Damit ist freilich das grundsätzliche Dilemma noch nicht aus der Welt geschafft. Denn wenn man sich Losurdos Ansatz verschreibt, welcher das apologetische Gerede über das "Metaphorische" der nietzscheschen Postulate abweist und deren ernstgemeinte politische Substanz gerade nachweist, muß man sich fragen, wie Nietzsche selbst mit der realen Konfrontation der von ihm gutgeheißenen Gewaltpraktiken umgegangen wäre – etwa mit dem konkreten Anblick geschundener Sklaven in den USA und den Kolonien, mit den Tötungsmaßnahmen moderner Eugenik, mit der Versklavung von KZ-Zwangsarbeitern, mit der industriellen Vernichtung von Menschen, wie sie das NS-Regime vollzogen hat. Hätte er als reale Person alledem standgehalten? Wenn nein – was soll dann die antihumanistische Insistenz auf den Geltungsanspruch der philosophischen Forderungen? War Nietzsches Philosophie nichts als großmäuliges Rumgetöne? Und wenn dem so ist, muß sie nicht schon darin abgewiesen werden? Es reicht doch hin, seine Auslassungen über "die Frau" zu lesen, um sich darüber klar zu werden, von welch pathologischer Angst "vorm Weibe" dieser Mann (auch in seinem Denken) angetrieben war. Darauf kann man doch keine Philosophie bauen. Wenn aber Nietzsche dem Anblick all der von ihm herbeigewünschten Ungeheuerlichkeiten nicht nur standgehalten, sondern ihre zivilisatorische Notwendigkeit bis zur letzten Konsequenz philosophisch in Anspruch genommen hätte, kann er schlechterdings nicht von dem freigesprochen werden, was sich, zwar nicht als Folge seines Denkens, aber durchaus in gespenstiger Übereinstimmung mit ihm, im 20. Jahrhundert zugetragen hat. Mehr als fraglich, ob Nietzsche den wildgewordenen Kleinbürger Hitler als Verkörperung des herrenmenschlichen Willens zur Macht hätte akzeptieren mögen. Aber Hitler gehört, wie man es nicht dreht und wendet, in den Dunstbereich der praktischen Konsequenz aus Nietzsches Denken. Die Lektüre von Losurdos Werk zwingt diese Einsicht auf.

Man kann aber auch im Hinblick auf Domenico Losurdos eigenen Ansatz fragen, wie man mit einer Philosophie umgehen soll, die sich als Epiphänomen von Kontexten, also außerphilosophischen Wirkzusammenhängen bildet. Die Antwort darauf ist nicht eindeutig. Sie tangiert unter anderem das gewichtige Problem der Differenz zwischen subjektiver Verantwortlichkeit und der über alles Individuelle hinausgehenden Eingebundenheit des Einzelmenschen im Objektiven, welches sich als Determinante seines subjektiven Seins erweist. Wenn der Mensch in seiner Wirklichkeit das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse ist, in denen er lebt, dann sind es auch seine geistigen Gebilden. Nietzsches Philosophie wäre, so besehen, dem vergleichbar, was Marx strukturell der Religion zuschreibt: in einem der Ausdruck eines wirklichen Elends und die Protestation gegen dies wirkliche Elend – wobei freilich im Falle Nietzsches das "Elend" nicht das ist, worüber die Religion hinwegtrösten möchte, sondern die zivilisatorische Entwicklung, in der die (monotheistische) Religion erst eigentlich zur Moralinstanz avancieren konnte. Wenn aber Nietzsches philosophische Ungeheuerlichkeiten nur Ausdruck einer über sein Denkuniversum hinausgehenden Struktur sind, dann gilt es nicht die ungeheueren Auswüchse seiner Philosophie zu überwinden, sondern den Weltzustand, der sie hervorgebracht hat – welchen diese Philosophie freilich ihrerseits kritisch angeht. Denn trotz allen entlarvenden Rekonstruktionswerks Losurdos kann nicht in Abrede gestellt werden – dies sagt ja Losurdo selbst –, daß gerade Nietzsches Denken zugleich auch vieles zutage fördert, was in seiner bestechenden Tiefgründigkeit und der Stringenz des unbestechlichen Blicks unabweisbare Gültigkeit wahrt: Seine rigorose Kritik der westlichen Kultur und der Moderne samt ihrer pseudoemanzipatorischen Vermassungsprozessen, Entfremdungsstrukturen und Verdinglichungsmechanismen sowie ihrer ideologischen Apparaturen, die Individualität postulieren bei objektiver Entindividualisierung des Individuums; die Entlarvung der fundamentalen Verlogenheit des Politischen, das sich letztlich machtbezogenen egoistischen Antriebkräften verdankt, dies aber nach außen stets schönrednerisch kaschiert; der Nachweis des schlüpfrigen Grunds, auf dem die Annahmen des zur Hegemonie gelangten wissenschaftlichen Positivismus basieren – all dies und noch vieles mehr reiht Nietzsche zweifellos in die hehre kritische Tradition der erlauchtesten Geister der westlichen Neuzeit ein.

Somit wären wir im hier erörterten Zusammenhang bei dem angelangt, was uns die Widersprüche und Aporien der Moderne von Anbeginn als oberstes dialektisches Gebot "gelehrt" haben: Man kommt nicht darum herum, die Ambivalenz aushalten zu müssen – die Ambivalenz gegenüber den strukturellen Ungereimtheiten des realen Lebens, aber eben auch denen seiner geistigen Durchdringung und kulturellen Reflexion.

Von Moshe Zuckermann