stahlpress

Medienbüro Hamburg

Die Persistenz von Ideologie

Erschienen in "Zeitschrift für kritische Theorie" 28/29/09

Moshe Zuckermann

Die Persistenz von Ideologie

Anmerkungen zu Wagner, Israel und den Wonnen der Ignoranz

Eine persönliche Erfahrung zu Beginn: Im November 2005 – ich weilte gerade im Rahmen eines Forschungsaufenthalts in Wien – wandte sich der Generalmanager des Israelischen Philharmonischen Orchesters mit dem Vorschlag an mich, einen Wagner gewidmeten Abend des Orchesters zu moderieren und mit einem größeren Vortrag über den deutschen Tondichter einzuleiten. Ich sagte spontan zu, gab aber zu bedenken, daß eine solche Veranstaltung, bei der Wagner-Musik in Israel öffentlich aufgeführt werde soll, doch unweigerlich auf einen Skandal hinauslaufen müsse. Das hätten alle Versuche in den vergangenen Jahrzehnten bis hin zu denen der jüngsten Zeit eindeutig bewiesen. Es bestehe nun mal der seit Staatsgründung eingehaltene halboffizielle Wagner-Boykott, welcher die Nichtaufführung von Wagner-Musik in Israel zur normativen Auflage für alle Orchester des Landes hat werden lassen. Der Generalmanager entgegnete, diesmal solle es aber ganz anders laufen. Mein Vortrag werde die volle Bandbreite des Wagner-Phänomens öffnen: die künstlerische Genialität ebenso wie den Antisemitismus des Mannes, die politische Ideologie wie die ästhetische Rezeptionsgeschichte seines Wirkens, die Verstrickung Bayreuths im Nationalsozialismus nicht minder als das Problem des Wagner-Boykotts in Israel, kurzum, eine kritisch-reflektierte Darlegung des Themas "Wagner", welche von mir – nach dem Konzertpart, bei dem ausgesuchte Wagner-Musik vom Orchester unter der Leitung von Zubin Mehta gespielt würde – mit dem Publikum, so lange dieses es wünsche, diskutiert werden soll. Das Vertrackte der Veranstaltung werde nicht nur durch die Initiative von Maestro Mehta, das Konzert zu geben, sondern nicht minder durch die von vornherein garantierte Offenlegung des Problems abgefangen. Ich willigte also ein. Im Dezember traf ich Zubin Mehta in Wien, wir beredeten den Veranstaltungsablauf en detail, besprachen auch die zu erwartenden öffentlichen Schwierigkeiten, wobei er sich aber zuversichtlich gab, mithin meinte, man müsse diesen neuen Aufbruch im Bereich der Wagner-Rezeption in Israel wagen, zumal auch die Koordinaten diesmal viel günstiger gestllt seien.

Die Vorbereitungen nahmen dann ihren Lauf. Die Verwaltung des Orchesters rief mich zur Klärung von diesem oder jenem Detail noch einigemal an. Am 9. April 2006 sollte der Abend stattfinden. Mitte März gab es ein Telephonat, bei dem die letzten Dinge noch einmal durchgegangen wurden, und bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, daß der Vorverkauf der Karten unmittelbar nach der Abstimmung im Orchester beginnen werde. Auf meine erstaunte Frage, um was für eine Abstimmung es sich handle; Zubin Mehta, Chefdirigent und mächtiger musiklaischer Leiter des IPO, hätte doch die Veranstaltung initiiert; die Vorbereitungen seien abgeschlossen, und ich selbst hätte nicht wenig Arbeit in die Vorbereitung investiert, beschied man mir, ich könne beruhigt sein, es handle sich um eine Pro-forma-Abstimmung, die immer abgehalten werden müsse, wenn es um die Aufführung von Wagner-Musik geht, weil eben eine diesbezügliche Sensibilität in Israel herrsche. Einige Tage später erfuhr ich vom Abstimmungsergebnis: Eine überwältigende Mehrheit der Orchsetermitglieder habe gegen die Veranstaltung gestimmt, die somit abgesagt wurde.

 


 

Der Versuch, Richard Wagners Musik, geschweige denn ganze Opern von ihm in Israel aufzuführen, ist seit Jahrzehnten insofern zum Scheitern verurteilt, als eine jede solche Veranstaltung regelmäßig – im Vorfeld, während ihres Ablaufs, aber auch noch im nachhinein – zum öffentlichen Skandalon gerät. Ob Zubin Mehtas Versuch im Jahre 1981, Daniel Barenboims erneuter Ansatz zwanzig Jahre später, ja selbst eine Aufführung von Wagner-Stücken im beschränkten Rahmen der Musikakademie der Tel-Aviver Universität anläßlich einer vom dortigen Institut für deutsche Geschichte organisierten (kritischen) Wagner-Tagung – alle diese Unternehmungen mündeten stets im Eklat, an dem zumeist "die Öffentlichkeit", spätestens seit 2001 jedoch auch die offizielle Politik beteiligt war, als ein Ausschuß des israelischen Parlaments sich nicht entblödete, Daniel Barenboim für eine kulturelle persona non grata in Israel zu erklären. Und dann eben das Abstimmungsergebnis von 2006, welches insofern bemerkenswert war, als bei der ein Vierteljahrhundert zuvor stattgefundenen Abstimmung sich nur zwei Orchestermitglieder geweigert hatten, an besagter Aufführung von Wagner-Musik in Israel zu partizipieren.

Was hat es mit dieser Ausdauer des Boykotts auf sich? Seine Ursprünge gehen auf die Gründungszeit des Orchesters (1936) zurück, als es – damals noch "Palestine Symphony Orchestra" genannt – im Jahre 1938 zum Zeichen des offiziellen Protestes gegen die Pogromereignisse der "Reichskristallnacht" von der geplanten Aufführung Wagnerscher Musik bei einem Konzert absah. Nach der Staatgründung wurde diese selbstauferlegte Enthaltung auf andere israelischen Orchster und die israelischen Rundfunkanstalten erweitert. Na'ama Sheffi hat in ihrem 2002 erschienen Band "Der Ring der Mythen. Die Wagner-Kontroverse in Israel" diese politisch wie kulturell merkwürdige Rezeptionsgeschichte ausführlich erforscht und nachgezeichnet. Viele Antworten bieten sich auf die Frage nach der Boykottpersistenz an; ausschlaggebend scheint indes zu sein, daß der Antisemitismus der Person Wagners in Verbindung mit der spezifischen Rezeption Wagners und seines Werks in der nationalsozialistischen Ideologie und im Kulturleben des Dritten Reichs dem Boykott immer wieder neues Leben einhauchten. Die lange Debatte über dieses, wie gesagt, nie formalisierte Aufführungsverbot fußt dabei auf drei zentralen Diskursachsen: der Rezeption des Wagnerschen Werks; dem staatsoffiziellen Shoah-Gedenken in Israel; der öffentlichen Rücksichtnahme auf die Gefühle von israelischen Shoah-Überlebenden.

Der israelische Historiker Zvi Yavetz, ein zweifellos geschichtsliebender Gelehrter, sagte einmal, man könne sehr gut hundertundzwanzig Jahre leben, ohne der Geschichte kundig zu sein. Wohl wahr – und man mag hinzufügen, daß dies auch für das Schauen von Shakespeare-Dramen, die Betrachtung von Rembrandt-Gemälden und das Hören von Beethoven-Symphonien, letztendlich für die Berührung mit Kulturgütern ganz allgemein gelte. Das Bedürfnis, sich diese anzueignen, ist mitnichten a priori voraussetzbar, sondern existiert nur für den, der es real empfindet, was freilich nur durch intensive Beschäftigung mit besagten Werken und nicht unbedingt infolge eines von vornherein existierenden Hunger- oder Mangelgefühls entsteht. Es bedarf also einer gewissen kulturellen Sozialisation, mithin geordneter Erziehung und Bildung, um das Bedürfnis, dieser Werke „habhaft“ zu werden, zu generieren. Hat man sich aber erst einmal diesen Kulturschätzen geöffnet und sich von ihrem Zauber gefangennehmen lassen, ist man erst einmal in sie als ein geistig-kulturelles Ganzes eingedrungen, stellt sich (aus der inneren Logik dessen, was sie sind) sehr bald heraus, welche Kulturwerke in jedem einzelnen Bereich unabdingbar sind, was als unverzichtbar zu gelten hat. Man kann auf Rembrandt verzichten, aber nur, wenn man sich nicht mit der westlichen Malerei der Neuzeit und ihrer ästhetischen Tradition befaßt. Man kann ohne Beethoven leben, aber als unerschütterbare Bastion der westlichen Kunstmusiktradition im modernen Zeitalter läßt er sich einfach nicht umgehen. Man kann entsprechend auf Wagner verzichten, nicht aber die entscheidende Rolle ignorieren, die seine – nicht unproblematische, gleichwohl eben auch geniale – Kunst in der Entwicklung der westlichen Kunstmusik im 19. Jahrhundert und in ihren weitreichenden Auswirkungen auf die des 20. Jahrhunderts gespielt hat.

Es waren allerdings nicht ideologiekritische Fragen und Bedenken, die man gegen Wagners kontroverses künstlerisches Werk gewiß anführen kann, welche das öffentliche Verhältnis Israels zu diesem Werk maßgeblich prägten, sondern der Umstand, daß Wagners Werk und Person zu einem die israelische Shoah-Erinnerung bedienenden, quasi-staatlichen kulturellen Symbol nach und nach gerannen. Dies darf stutzig machen: In einem Land, das ganze sieben Jahre nach Auschwitz einen offiziellen ökonomischen Vertrag mit dem von ihm selbst als solches apostrophierten „anderen Deutschland“ abschloß, mithin gleich zu Beginn seines staatlichen Bestehens die Materialisierung der Sühne etablierte; in einem Land, das knappe zwanzig Jahre nach der Vernichtungskatastrophe (aus nachvollziehbaren praktischen Gründen) volle diplomatische Beziehungen mit dem Urheberland der Katastrophe einging; in einem Land, in dem viele seiner infrastrukturellen Gebilde, Institutionen und großen zivilen wie militärischen Anschaffungen durch deutsches Kapital finanziert werden; in einem Land, in dem deutsche Waren und Produkte die Straßen, Gebäude und Geschäftsläden anfüllen – in diesem Land, in welchem darüber hinaus keine einzige staatliche Institution existiert, die seiner spezifisch geschichtsträchtigen, pejorativen (oder zumindest ambivalenten) Beziehung zu Deutschland angemessenen Ausdruck zu verleihen vermöchte, ist ein 1883 verstorbener Komponist zum halboffiziellen Symbol dieser Beziehung avanciert. Nicht nur widerspiegelt sich in diesem publiken „Erinnerungs“-Überbleibsel die bigott-instrumentalisierende Ausrichtung „Israels“ auf „Deutschland“ und die „deutsche Vergangenheit“, sondern es sedimentiert sich darin auch die ideologisch längst prästabilisierte, in die kleinsten Poren der israelischen Alltagskultur eingegangene Banalisierung des Shoah-Gedenkens. Wenn es (neben jährlichen patriotischen Zeremonien) das ist, was die staatliche Öffentlichkeit zum Gedenken dessen, wofür sie das Monopol der Erinnerungskonservierung beansprucht, aufzubieten hat, ist es ums israelische Kollektivgedenken nicht zum besten bestellt.

In diesem Zusammenhang wird gemeinhin das Argument der notwendigen Rücksichtnahme auf diesbezügliche Gefühle und Empfindlichkeiten von Shoah-Überlebenden erhoben. Das ist in der Tat ein gewichtiger Einwand, der sich nicht leichterhand wegdiskutieren läßt (und auch nicht wegdiskutiert werden sollte – wer würde sich schon getrauen, sich auf eine „rationale“ Diskussion mit derlei Emotionen einzulassen?). Und doch ist es unerläßlich, auch dazu einige Überlegungen anzuführen. So ist es an der Zeit, daß man aufhört, Shoah-Überlebende als einen monolithischen Block mit einheitlich gebildeten Empfindungen und homogen geformtem Willen wahrzunehmen. Manche Shoah-Überlebende werden Wagners Kunst (aus welchem Grund auch immer) hassen, andere mögen sie bewundern, die meisten dürfte sie mehr oder minder kalt lassen. Für Shoah-Überlebende, die außerhalb Israels leben, ist Wagner schlicht kein Thema. Das Empfindlichkeits-Argument, das oft im Namen der Überlebenden (nicht unbedingt von ihnen selbst, und gewiß nicht von allen) hervorgeholt wird, hört sich paternalistisch an und erscheint als (paradoxe) Fortsetzung der tumben Überheblichkeit, durch welche das Verhältnis eines Großteils der israelischen Öffentlichkeit zu den Überlebenden über Jahre gekennzeichnet war. Gerade die israelische Gesellschaft stach ideologisch durch ihre Unfähigkeit zur Einfühlung in die psychischen Welten der Überlebenden hervor. Sie war es, die in den ersten Jahren ihres Bestehens gerade in ihnen die ultimative Verkörperung alles „Diasporischen“ erblickte; sie war es, die von ihnen als „Menschenstaub“ sprach; sie war es, die sie (vorwurfsvoll) mit „Vieh, das zur Schlachtbank geführt worden war“, verglich und damit der Ideologie ihres Umgangs mit dem historischen Grauen bezeichnenden Ausdruck verlieh. Es wäre angebracht, daß diejenigen, die pathoserfüllt das Empfindlichkeits-Argument in den Diskurs einwerfen, sich einmal selbst fragen, ob nicht gerade sie die ideologische Linie perpetuieren, die sich nie um die realen Empfindungen der Shoah-Überlebenden bekümmert hat, dafür aber umso mehr um eine „Reinheit“ des Gedenkens, welche es in Israel nie gegeben hat.

Die dargelegten Einwände sind nicht darauf bedacht, eine Position im Streit zu beziehen, ob Wagners Werke in Israel aufgeführt werden sollten oder nicht. Die prekäre Streitfrage birgt, wie gesagt, mannigfache Erörterungsebenen in sich. Eines dürfte gleichwohl feststehen: Solange das Aufführungsverbot mit einer staatlich-öffentlichen „Rücksichtnahme“ auf jene begründet wird, die eine solche Rücksichtnahme seitens der öffentlichen Staatlichkeit nie wirklich erfahren haben; solange sich herausstellt, daß das Aufführungsverbot lediglich ein erbärmlicher Ersatz für das genuine Gedenken des historischen Grauens, welches durch seine fortwährende staatliche Instrumentalisierung längst entstellt worden ist – wird die Forderung, das Verbot aufrechtzuerhalten (und zwar selbst wenn aus dem Munde von Shoah-Überlebenden kommen sollte), nichts als eine weitere Etappe im langen Weg der Ideologisierung des israelischen Shoah-Gedenkens bilden.

Hieran seien nun einige Überlegungen zum Problem des Aufbruchs angefügt. Geht man davon aus, daß der Aufbruch als dezidierter Neuanfang bewußtseinsbedingt ist, stellt sich sofort die klassische Frage, ob sich das Sein so gewandelt hat, daß das Bewußtsein davon in der Tat als ein in der Realität verankerter Aufbruch zu einem neu Bevorstehenden angesehen werden kann. Anders gesagt: Wenn nur freies Sein ein freies Bewußtsein zeitigen, das Sein selbst aber nur unter den Bedingungen des freien Bewußtseins sich gründen kann, dann ist der Ausbruch aus diesem Zirkel nur dann denkbar, wenn sich etwas an den objektiven Bedingungen verändert hat bzw. wenn sich das Bedürfnis nach radikaler Veränderung (womöglich aus der Not geboren) so sehr vertieft hat, daß ein Umbruch, mithin ein damit einhergehender Aufbruch möglich wird. Von beiden Voraussetzungen kann im Fall der israelischen Wagner-Rezeption nicht die Rede sein. Nicht nur rührt sich nichts Wesentliches an der ideologischen Grundstruktur des israelischen Shoah-Gedenkens, sondern es will scheinen, als rücke gerade die Aufhebung des Wagner-Boykotts in immer weiterer Ferne, je gründlicher sich die Beziehungen zu Deutschland "normalisieren": Der Boykott als billiger Ersatz für eine ansonsten mißlungene Gedenkkultur ist allzu verlockend – kann man sich doch im Bereich der "hohen Kultur" moralisch wähnen, wo das grob Materielle schon längst eine andere Sprache spricht. Debattiert wird dies freilich unter diesen Gesichtspunkten nirgends. Da "Wagner" inzwischen zum Symbol erhoben worden ist, spielt es für die allermeisten Israelis letztlich keine Rolle, was dieses Symbol kodiert, geschweige denn, wer Wagner historisch war und wofür er kulturell wie politisch steht. Der Aufbruch in diesem unseligen Diskurs wäre schon mit der schieren kritisch reflektierten Debatte über den Symbolwert von "Wagner" im Shoah-Gedenken der israelischen Gesellschaft gegeben. Aber sie findet nicht statt, denn man will den Aufbruch nicht. Zu viel steht auf dem Spiel – das gesamte, über Jahrzehnte gepflegte Shoah-Gedenken Israels müßte überdacht werden. Zu viele Menschen, zu viele Institutionen sind daran interessiert, daß dem nicht so werde.

 


 

Am Phänomen Wagner-in-Israel lassen sich einige Aspekte ideologischer Persistenz festmachen, wobei das "Leichtfüßige" des Debattengegenstands getrost in Klammern gesetzt werden mag: Welchen Stellenwert kann schon das Problem einer Aufführung von Wagner-Werken in Israel angesichts der gewichtigen Krisen, die derzeit die Welt (und Israel selbst) beuteln, einnehmen? Das bisher Dargelegte möge daher eher als Matrix der Erörterung von Allgemeinerem herhalten, namentlich der Analyse des Verhältnisses von Ideologie, Realität und bedürfnisgeleitetem Interesse.

Es fällt zunächst auf, daß der Wagner-in-Israel-Fall einen gewissen nachvollziehbaren "Wahrheitskern" aufweist, sich im großen Ganzen aber durch eine bemerkenswerte Diskrepanz zwischen ideologisierter Kollektiveinstellung und den vorherrschenden (aktuellen wie historischen) Realverhältnissen auszeichnet. Wagner war ohne Zweifel einer der obsessivsten und (gemessen an seiner Zeit) gefährlichsten Antisemiten des 19. Jahrhunderts. Das sollte man auf keinen Fall verharmlosen, aber eben auch nicht außer Proportion geraten lassen. Es reicht schon, was er realiter war und in der eigenen Lebenszeit als Antisemit anrichtete; ihn aber zum Vorreiter der Ideologie des Dritten Reichs, gar zum gesinnungsverbündeten Verkünder des von den Nazis an den Juden verbrochenen Völkermordes hochzudeuten, geht nicht nur an dem, was real geschah, vollkommen vorbei, sondern ist dazu angetan, durch voreilige Zuschreibung der Vorläuferrolle das Horrende der realgeschichtlichen Katastrophe zu verwässern und ihr Wesen durch spekulative, mithin kaum belegbare Kausalbezüge zu verkennen. Genau das leistet aber die spezifische Wagner-Rezeption in Israel. Abgesehen von der vorherrschenden Ignoranz über Wagner und sein Werk und den auch unter den Allgemeingebildeten dominierenden Wissensdefiziten, fällt auf, wie vehement und unter welch intensiver Öffentlichkeitsbeteiligung die aufschäumende Debatte geführt wird, sobald sich der Eklat des Versuchs, Wagner-Musik in Israel zu spielen, ereignet hat. Was dabei zum Tragen kommt, ist kaum je der Versuch, das Kontroverse des Ereignisses sachlich zu debattieren, sondern eine Meinungslogik, die im Pathos einer unbestimmten, indes hochemotionalisierten Ungehaltenheit wurzelt. Ungeachtet der (teils selbst eingestandenen) Unwissenheit wird dabei die ominöse Bürgerpflicht zelebriert, die prävalente Norm (des Boykotts) um jeden Preis einzuhalten bzw. ihrer Durchbrechung mit indigniertestem Protest zu begegnen. Daß Wagner also in Israel zum Synonym für Nationalsozialismus und Shoah-Antisemitismus avancieren konnte, hat nicht sehr viel mit seinem Antisemitismus zur eigenen Lebzeit zu tun, umso mehr dafür mit der Mythenbildung um ihn als "Antisemiten", vor allem aber mit einem Bedürfnis, den im falschen Bewußtsein fußenden Kausalbezug zwischen "Wagner" und "Shoah-Gedenken" um jeden Preis zu wahren.

Warum ist dem so? Wie erklärt sich diese Insistenz auf etwas, das jedem reflektierten Menschen als eklatante Verzerrung vorkommen müßte – wobei nicht die Aufführung- bzw. Nichtaufführung von Wagner-Werken für den Gegenstand der Verzerrung zu erachten ist, sondern daß "Wagner" zum Paradigma des Shoah-Gedenkens in Israel erkoren werden konnte. Es lassen sich wenigstens zwei Gründe anführen, die zumindest einen geschichtlichen Realitätsbezug zum Festhalten am widersinnigen Boykott anzubieten vermögen. Zunächst einen positiven Bezug: Als nämlich das Palestine Symphony Orchestra auf Initiative des Orchestergründers Bronislaw Huberman 1938 beschloß, als Reaktion auf die Pogromnacht vom November des Jahres keine Stücke von Wagner mehr in die Konzertprogramme aufzunehmen, war dieser Akt aus der Logik der entstandenen Situation in Deutschland, wenn schon nicht akzeptabel, so zumindest erklärbar. Gerade, weil das jüdische Kollektiv in Palästina keinerlei Einfluß auf die Geschehnisse in Nazideutschland ausüben konnte, durfte der Entschluß des jüdischen Orchesters als symbolischer Akt kollektiver Solidarität gewertet werden. Daß dabei Wagners Antisemitismus, vielleicht sogar der Stellenwert seiner Person und seiner Kunst im Kulturleben des Dritten Reichs (wofür er freilich nichts konnte) – mithin also heteronome Momente –, eine gravierende Rolle gespielt haben dürften, widerspricht zwar einem prinzipiellen Postulat der Kunstautonomie bzw. dem der Trennung von Werk und Person, konnte aber im Kontext des Schocks und der Empörung über die Geschehnisse der "Reichskristallnacht" einen gewissen (populistischen) Anspruch auf Verständnis erheben. "Fiat ars, pereat mundus" hat historisch letztlich noch nie gestimmt. So hat man sich während des Ersten Weltkriegs in Frankreich nicht entblödet, die Aufführung von Werken des Deutschen Wagner zu verbieten, wie denn komplementär dazu in Deutschland die Aufführung der Oper "Carmen" des Franzosen Georges Bizet eine Zeitlang untersagt wurde. Das war gewiß widersinnig – was aber auf das Widersinnige der Entstehungszusammenhänge von Ideologien schlechthin verweist, dabei aber auch indiziert, warum man ihnen so leicht verfallen kann: Wenn sie Bedürfnisse im Koordinatensystem einer politischen oder sozialen Freund-Feind-Wahrnehmung befriedigen, fungieren sie nicht als etwas, das auf seine rationale Stichhaltigkeit zu hinterfragen ist, sondern eben als Faktoren des Irrationalen einer unstimmigen Realität, die man sich "stimmig" zurechtlegen möchte. Strukturelle Ohnmacht, gekränkter Narzißmus und magische Wunschphantasien der Verfügung über mächtige symbolische Potenzen vermischen sich dabei zu einer bedürfnisgeleiteten Abwendung vom Realen, mithin vom gängigen Anspruch, seine Wirkzusammenhänge zu ergründen.

Der andere Realitätsbezug des israelischen Wagner-Boykotts läßt sich ex negativo herausdeuten: Der Boykott als Ersatzakt für einen defizitären Zustand. Da sich, wie erwähnt, die Beziehungen Israels zu Deutschland sehr bald nach der zionistischen Staatsgründung als ein zweckrationalen (materiellen) Erwägungen untergeordnetes Staatenverhältnis erwies, bei dem das Prekäre der Wiedergutmachungsabkommen zwischen dem Land, das den Shoah-Überlebenden Zuflucht zu bieten beanspruchte, und dem Land, das die Shoah verursacht hatte, gleichsam in Klammern gesetzt wurde, geriet das staatsoffizielle Shoah-Gedenken Israels sehr bald zum Politikum, vor allem aber entsorgte es die institutionalisierte Gedenk- und Erinnerungspraxis (im Hinblick auf Deutschland) dahingehend, daß das kollektivpsychische Ressentiment oder auch heftigere emotionale Verfaßtheiten dem offiziellen "Deutschland" gegenüber keine entsprechenden staatsoffiziellen Einrichtungen fanden. Deutschland bzw. die BRD wurde auf der diplomatischen, ökonomischen und militärischen Ebene als ein nach 1945 entstandenes "anderes Deutschland" apostrophiert, die Beziehungen zu ihm mithin staatsoffiziell legitimiert. Eine Kluft tat sich auf zwischen den vorherrschenden Gefühlslagen und Einstellungen in den realen Lebenswelten des jüdischen Israel und dem formalisierten Beziehungsgeflecht beider Staaten, ein Kluft, die sich nicht zuletzt darin niederschlug, daß keine staatlich-öffentlichen Institutionen bestanden, die der kollektiven Gefühlsökonomie der "Juden" gegenüber den "Deutschen" adäquaten Ausdruck hätten verleihen können. Und es ist nun dieses strukturelle Vakuum, das der Boykott von Anbeginn zu füllen trachtete: Er war zwar nicht staatlich auferlegt, aber doch öffentlich genug, nicht formell, aber eben doch halboffziell selbstauferlegt, um den Anspruch einer kollektiven Norm erfüllen zu können.

Definiert man Ideologie mit Marx als "notwendig falsches Bewußtsein", erweist sich das (in der Definition apostrophierte) Notwendige am realen historischen Entstehungszusammenhangs der Ideologiebildung, mithin an der Bestimmung des Bewußtseins durch ein sozial so-und-nicht-anders gewordenes Sein. Erweitert man diesen Ideologiebegriff noch um die von Althusser sogenannten "ideologischen Staatsapparate", erhält man (begrifflich) die Dimension der Institutionalisierung des Notwendigen als Elementarform staatlich betriebener Sozialisation des Individuums. Sowohl Marxens Vorstellung von der Loslösung des Klassenkollektivs vom falschen Bewußtsein durch Bewußtwerdung der eigenen Klasseninteressen und die damit einhergehenden emanzipativen Impulsen als auch Althussers Vorstellung von der bewußten Durchbrechung dessen, was ideolgisch als hermetisch abgeriegelt erscheint, verstehen sich dabei als Probleme, die der kognitiven Handlungswelt der jeweiligen (Kollektiv)Subjekte zuzuordnen sind. Was nun aber, wenn diese Bewußtseinsakte in einem vorkognitiven, emotional-psychischen Kontext eingebettet sind? Dieser Einsicht verschrieben sich bekanntlich, Freud folgend, die Denker der Frankfurter Kritischen Theorie. In den zwar gesellschaftlich prästabilisierten, sich indes eben psychisch herausbildenden Ideologiemustern (bzw. in der psychischen Matrix der Einstellungs-, Anschauungs- und Meinungsmanifestationen der Menschen) erkannten sie das Wesen des Ideologischen als sich zwar kognitiv artikulierende politische, soziale und kulturelle Positionen, zugleich (und vor allem) aber auch als Spielfeld der Erfüllung verborgener Bedürfnisse. Die Theorie des autoritären Charakters darf in diesem Zusammenhang für paradigmatisch erachtet werden. Was mit diesem sozial-psychichologisch ausgerichteten Denkansatz in Anschlag gebracht wurde, ist die Möglichkeit, daß der als selbstverständlich vorausgesetzte emanzipative Impuls, wie ihn sich die Pathosformeln der klassischen Aufklärung noch propagierten, gar nicht so selbstverständlich ist, und zwar nicht (nur), weil die Wahrnehmung der Realität faktisch falsch bzw. in ihrer kognitiven Dimension manipuliert ist, sondern weil sich das Verharren in einem (als solches freilich gar nicht wahrgenommenen) Falschen der Erfüllung falscher Bedfnisse, die einem "falschen Leben" entstammen, verdanken. Konsequent gedacht, bedürfte die Überwindung des ideologisch Falschen der Einrichtung einer Gesellschaft, welche die Entstehung von Ideologie ihrer eigenen Struktur nach überflüssig werden ließe. Dir Einrichtung einer solchen Gesellschaft läßt sich aber schlechterdings nur als Erzeugnis eines freien Bewußtseins denken – ein Teufelskreis, der schon vor Jahrzehnten aufgezeigt wurde, und dennoch nichts an Aktualität eingebüßt hat. Denn die Einsicht, daß Ideologie ihre Zählebigkeit der faktischen Bedienung einer Bedürfnismatrix von Falschem verdankt; das Falsche der Bedürfnisse sich aber nur durch eine Umwandlung der sozialen Grundlage, die sie zu dem werden läßt, was sie ist, zu überwinden ist; ebendiese Umwandlung aber die Einsicht in das Falsche des sozial So-Bestehenden erfordert, mag vielleicht den gegenwärtigen theoretischen Diskurs dazu verleiten, sein theoretisches Heil in anderen – "ergiebigeren" – Gefilden zu suchen, gleichsam dort, wo die Laterne Licht wirft, und nicht im Dunklen des außerhalb des von ihr produzierten Lichtstrahls, aber das reale Problem der ideologischen Praxis bleibt dabei unangetastet; man mußte sich nur entschließen, es nicht mehr für ein "Problem" zu halten, weil man der Kategorien für seine Lösung nicht habhaft geworden ist – Probleme müssen gelöst oder aber, in Mangel ihrer befriedigenden theoretischen Zurichtung auf die Lösung, fallengelassen werden.

Vielleicht sollte man aber eines noch im hier anvisierten Erörterungszusammenhang zu bedenken geben – namentlich, daß die Persistenz ideologischer Strukturen und Muster nicht nur auf falsches Bewußtsein, auch nicht nur auf die Befriedigung von Bedürfnissen, die im schlecht Bestehenden wurzeln, zurückzuführen ist, sondern nicht minder auch darauf, daß die Loslösung von dem, was die Anziehungskraft von Ideologie ausmacht, stets mit einer gewissen Angst verbunden ist. Es geht nämlich nicht nur darum, was man an der Ideologie positiv hat, sondern nicht weniger auch um die Angst vor dem "schwarzen Loch", in das man fallen könnte, wenn einem das wohltuend Altbekannte der Ideologie weggenommen würde. Marcuses Diktum vom "psychischen Thermidor" hat einiges damit zu tun. Denn der "Verabschiedung" des verfestigten Gewohnten im falschen Bewußtsein steht zwangsläufig die Ernüchterung, vor allem aber die Drohung einer Zukunftsungewißheit entgegen. Zwar mag im Zustand revolutionärer Euphorie das Pathos einer leuchtenden Zukunftsverheißung dominieren, aber der ihm innewohnende Hoffnungsimpuls ist immer auch mit der latenten Befürchtung gepaart, daß die Verheißung unverwirklicht bleiben könnte. Man weiß sozusagen, was man an der Ideologie des falschen Lebens hat, ist sich nicht sicher, was die Ideologieferne des richtigen mit sich bringen mag – darin nicht zuletzt besteht ja die Wirkmächtigkeit von Ideologie.

Hat all das etwas mit dem Wagner-Boykott in Israel zu tun? Nun, es kommt darauf an, wie man diese Frage angehen möchte. Denn nicht nur ließe sich fragen, was wohl alles am Selbstverständnis vieler israelischer Juden zusammenstürzen würde, wenn der Boykott und das mit ihm einhergehende Tabu aufgehoben, Werke Wagners mithin aufgeführt würden. Man würde sich darüber hinaus auch fragen (lassen) müssen, was das für diese etablierte (spezifisch israelische) Form der Shoah-Erinnerung bedeute. Ob man den Überlebenden, deren (angebliche) Wagner-Empfindlichkeit man sich kollektiv angeeignet hatte, nicht doch noch im nachhinein "in den Rücken gefallen" sei? Man würde sich vielleicht sogar eingestehen müssen, daß mit dem Jahrzehnte währenden Boykott kein genuines Shoah-Gedenken, sondern, ganz im Gegenteil, dessen farcenhafte Verhunzung gefördert wurde? Vor allem aber hätte man die mögliche Einsicht zu ertragen, daß man mit dem Erhalt der Boykott-Ideologie ganz andere, schwerer lastende Probleme als die der Aufführung oder Nichtaufführung von Musik eines Tonsetzers aus dem 19. Jahrhundert abzudecken trachtete. Wonnig lebt sich's da im falschen Bewußtsein – beängstigend seine Entlarvung.