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Medienbüro Hamburg

Hans-Jürgen Döscher

Zwischen "Reichskristallnacht" und Reichspogromnacht

Zwischen "Reichskristallnacht" und Reichspogromnacht


zur Terminologie der Pogrome im November 1938

von Hans-J. Döscher

Die historischen Untersuchungen zu den antijüdischen Gewaltverbrechen im November 1938 führen mehrheitlich den Begriff "Reichskristallnacht" in ihrem Titel oder Untertitel, meistens in Anführungszeichen gesetzt, um den zeitgenössischen Sprachgebrauch zu dokumentieren. In der Publizistik und im politischen Alltag ist dagegen seit den 1980er Jahren zunehmend der Terminus "Reichspogromnacht" anzutreffen.

"Reichskristallnacht"

Das Wortungetüm "Reichskristallnacht" ist im Berliner Volksmund entstanden nach dem 10. November 1938, als nicht wenige Straßen im Westen Berlins mit Kristallglas und Schaufensterscheiben aus demolierten Wohnungen und Geschäften jüdischer Eigentümer überhäuft waren. Es verharmlost und beschönigt die Gewalttaten der Nationalsozialisten freilich, da nicht nur Sachwerte beschädigt, sondern auch Synagogen zerstört wurden und außerdem unschuldige Menschen zu Tode kamen. Wenn dieser Begriff auch nicht annähernd das Ausmaß der in allen Teilen des Deutschen Reiches begangenen Verbrechen widerspiegelt, so enthüllt er jedoch hinter der ironischen Beschönigung die verbreitete Kenntnisnahme der nationalsozialistischen Schandtaten. In seiner Mehrdeutigkeit vermengen sich zynischer Antisemitismus und entlarvender Euphemismus mit Berliner Schnodderigkeit und subtiler, aber unverfänglicher Kritik. Viele Zeitgenossen haben die menschenverachtende Politik der Nationalsozialisten wahrgenommen, die Lügen ihrer Propaganda durchschaut und die schnöde Wortschöpfung nolens volens hingenommen.

Reichspogromnacht

Der Terminus "Reichspogromnacht" ist frei von euphemistischen und ironischen Färbungen. Er betont die reichsweite Ausdehnung der judenfeindlichen Ausschreitungen, beschränkt diese aber zeitlich auf die Nacht vom 9. zum 10. November. Gegen diese Beschränkung auf eine Nacht ist – nach neueren Befunden der zeitgeschichtlichen Forschung – einzuwenden, dass fanatische Antisemiten der nationalsozialistischen Parteibasis in Nordhessen und Sachsen-Anhalt erste Pogrome bereits am 7. und 8. November inszenierten, das heißt unmittelbar nach Bekanntwerden des Attentats auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath in Paris und noch vor dessen Tod am 9. November, sozusagen in vorauseilendem Gehorsam gegenüber den von der Parteiführung zu erwartenden Befehlen. Außerdem waren pogromähnliche Gewaltakte in manchen Städten, zum Beispiel in Breslau und Wien, auch über den 10. November hinaus zu beobachten. Es bleibt das terminologische Dilemma, dass beide Begriffe auf je unterschiedliche Art fragwürdig erscheinen. Dagegen beschreibt der Terminus "Novemberpogrome 1938" zutreffend die über eine Nacht hinaus gehenden judenfeindlichen Terrorakte im November des Jahres 1938 – auch in Abgrenzung zu den pogromähnlichen Vorgängen im Frühjahr und Sommer desselben Jahres in fast allen Regionen des "Großdeutschen Reiches", nicht zuletzt im "angeschlossenen" Österreich.

Der Verfasser lehrt Neueste Geschichte an der Universität Osnabrück