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CODA Verlag

"...But his soul goes marching on" Musik zur Ästhetisierung und Inszenierung des Krieges

"...But his soul goes marching on"

Musik zur Ästhetisierung und Inszenierung des Krieges

von Susann Witt-Stahl

But his soul goes marching on

Es gibt nicht viele Bücher, die sich mit dem Krieg in musikästhetischer Perspektive befassen. Susann Witt-Stahl schließt mit ihrem Buch die Forschungslücke und gibt umfassenden wie kritischen Einblick in die Funktion und Bedeutung von Musik für militärische Zwecke. Ausgehend von einschlägigen Beiträgen Paul Virilios, Walter Benjamins oder Georg Seeßlens entwirft sie die Grundzüge einer Ästhetik des Krieges, mit der sich Witt-Stahl historisch wie systematisch dem Thema annähert.
Gleichwohl bleibt die Autorin nicht beim Ästhetisieren, sondern begründet eine kritische Theorie der Kriegsästhetik und des Ästhetisierens des Kriegs beziehungsweise durch den Krieg. Insofern ist Witt-Stahls Studie kritische Gesellschaftstheorie. "In dem vorliegenden Buch werden Bereiche der Musikkultur vorgestellt, die die Funktion haben, den Krieg, das Erlebnis sowie seine Erinnerung, zu ästhetisieren und als Schauspiel zu inszenieren. Es geht also um die Verwendung von Musik für Valorisierungsprozesse des Krieges." (S.19)
Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die Entwicklung musikalischer Formen für die Verwendung im Militär, die Bedeutung von Lärm, die Signalwirkung kurzer Tonfolgen, das Rhytmische. Der Marsch als Kernform der Militärmusik zeigt sich dabei als Musik der Neuzeit; er wird parallel zum modernen Heereswesen entwickelt, gehört somit auch zu der neuzeitlichen Gesellschaftsformation Kapitalismus. Im Marsch generieren sich "Lust", "Einheit" - "Marschieren tötet das Denken". Witt-Stahl rekurriert auf Überlegungen Elias Canettis (Masse und Macht) und Klaus Theweleits (Das Heer als Gegenbildung der Masse) und rekonstruiert die "Nationalisierung und Militarisierung eines musikalischen Genres"; sie war zugleich gebunden an die Kommerzialisierung der bürgerlichen Musikkultur, bildete das ideologische Grundmuster für das Zur-Ware-Werden der Musikkultur: "Militärmusik wurde Mittel bis Ende des 19. Jahrhunderts zur Ware der aufkommenden Unterhaltungsindustrie." (S.69)
Die Entwicklung der Militärmusik, insbesondere der Marschmusik ist im Zusammenhang mit der allgemeinen Entwicklung der Massengesellschaft und ihrer kulturellen Formen zu sehen. Der Marsch stellt nämlich eine Grundfigur populärer Musik dar, die Militärkapelle eine frühe Form von Unterhaltungsband. "Zur Blütezeit des Marsches, zwischen 1860 und 1890, fanden allein in Berlin an Sommerabenden bis zu dreißig Militärkonzerte statt. Vom Militärmarsch ging eine so große Anziehungskraft aus (insbesondere auf das 'Bürgertum'), daß Klavierbearbeitungen für den Hausgebrauch sehr in Mode kamen." (S.32)
So stellt, wie Witt-Stahl zusammenfaß, Irmgard Keldany-Mohr heraus, "daß die Musikrezeption allgemein durch das Bedürfnis nach Volkstümlichkeit bestimmt war - das heißt: Orientierung am Stofflichen, subjektive Funktionalisierung, spontane Aufnahme ohne intellektuellen Ansatz und die Orientierung an oberschichtlichen Werten." (S.69)
Der Effekt ist eine Rückkopplung der militarisierten und nationalisierten Musik als Unterhaltungsmusik. Die musikalische Ästhetisierung des Krieges im Sinne der Marschmode wird nun, paradoxerweise, zum Grundmuster der Unterhaltungsmusik als "Kultmusik zur Zerstreuung und Ablenkung der Kriegsmassen". Witt-Stahl geht hierbei insbesondere auf die Propagandafunktion der Musik in der Alltagskultur Nazideutschlands ein und thematisiert sowohl "technische Medien als 'Abfallprodukte' des Krieges" als auch die "Aufrüstung der Emotionen für den totalen Krieg"; dabei merweisen sich auch in der nationalsozialistischen Propaganda "Starkult", "Schlager" oder "Musikfilm" als Bestandteile der Ästhetisierung der Politik, ebenso wie in der Kulturindustrie Hollywoodscher Prägung. Im Vietnamkrieg wird vor allem die Inszenierung der Ästhetik des Krieges über Unterhaltungsmusik im Rundfunk zu einem wichtigen, tragenden Element herrschender Kriegspropaganda - immer mit dem Ziel, die eigene Armee oder die eigene Bevölkerung bei der Stange zu halten. Der Vietnamkrieg wurde zum "Rock'n'Roll-Krieg" - "Wie kam es dazu, daß Krieg als Fortsetzung von Rock'n'Roll und Sex gepaart mit einer grenzenlos 'abgefuckt' zynischen Haltung erfahren wurde?" (S.155)
Die Antwort gibt Witt-Stahl selbst; bereits für das Dritte Reich hat sie den Schlager als den "Triumph des Irrationalen" bezeichnet. Solche auf Regression und Verharmlosung der eigenen Situation gerichtete Propaganda, als Ästhetik der guten Laune, gepaart mit gleichzeitig aggressiver, hetzerischer Signalmusik, die Feindbilder ritualhaft beschwört, ist in den Fundamenten moderner Massenkultur verankert. Witt-Stahl legt mit ihrer Studie einige Ähnlichkeiten zwischen der Unterhaltungskultur des 19.Jahrhunderts, der Propaganda Nazideutschlands und der modernen Massenkultur nahe, die sich bis zu den gegenwärtigen Auswirkungen der Kulturindustrie nachzeichnen lassen. Und die gesamte musikalische Ästhetik des Krieges bleibt konterkariert von der offenen Frage, warum der "Poplarmusik - obwohl es aufrichtige Versuche gab - nie ein Beitrag zur Dekonstruktion der Ästhetik des Krieges gelungen ist." (S.161)

(Buchbesprechung von Roger Behrens, erschienen in "testcard" No.9 )

Susann Witt-Stahl: "...But his soul goes marching on." Musik zur Ästhetisierung und Inszenierung des Krieges. CODA Forum Jazz Rock Pop: Karben 1999, 208 S.

 


 

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