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Medienbüro Hamburg

Hamburger Klimatage 2006

Erschienen am 15.05.2006 in "Neues Deutschland"

Vom Wissen zum Handeln

Am Wochenende fanden die ersten „Hamburger Klimatage“ statt. Wissenschaftler, Vertreter diverser Umweltverbände und engagierte Bürgerinnen und Bürger diskutierten über die drohende Klimakatastrophe.

Von Michael Sommer

Offenbar ist vielen Hamburgerinnen und Hamburgern der langfristige Klimaschutz wichtiger als ein kurzes Sonnenbad. Trotz sommerlicher Temperaturen war im großen Hörsaal der Hamburger Universität fast jeder Platz besetzt. Siebzehn Umweltorganisationen hatten dorthin eingeladen, um im Rahmen der „Hamburger Klimatage 2006“ den Klimawandel als „Schicksalsfrage für die kommenden Generationen“ zu diskutieren.
Dieser aufrüttelnde Leitsatz des Symposiums scheint bei dem mittlerweile großen gesellschaftlichen Wissen um die Klimakatastrophe und ihre bereits sichtbaren Anzeichen kaum noch nötig. Kein Jahr brachte einen so hohen volkswirtschaftlichen Schaden durch extreme Wetterereignisse wie das vergangene und entsprechend hoch war die Medienpräsenz. Doch ein konsequentes Handeln folgte daraus bis jetzt nicht nicht.
Fast alle Referenten der „Klimatage“ gingen diesem Problem nach. Eine eindeutige Lösung allerdings ist schwer zu finden, zu vielschichtig sind die Gründe fehlender Aktivität. Die Wirtschaft stelle in ihrer Mehrheit noch immer kurzfristige Unternehmensvorteile über den langfristigen Schutz der Lebensgrundlagen der gesamten Menschheit, lautete ein Resümee der Tagung. Allerdings müsse auch unsere eigene Verdrängung thematisiert werden. Besonders Dr. Jochen Luhmann vom Wuppertal Institut widmete sich diesem Thema. In seinem Vortrag zur „Blindheit der Gesellschaft“ wies er unter anderem auf die lange Zeitspanne zwischen Ursache und Wirkung klimatischer Veränderungen als Grund ihrer geringen Wahrnehmung hin. Zudem würde eine Anerkennung der Ursache und Wirkung des Klimawandels oft als „Kränkung“ empfunden, so Luhmann. Der Aufbau unserer heutigen Gesellschaft, den unsere Eltern und Großeltern vor allem auf der Grundlage fossiler Energiegewinnung geleistet hätten, könnte sich aus heutiger Sicht als fataler Irrweg erweisen. Wissen und Verdrängen scheinen sich proportional zu entwickeln – aktiver  Klimaschutz bleibt die Ausnahme.
„Die Jahrhundertereignisse kommen jetzt alle paar Jahre vor.“ So beschrieb Dr. Helmut Graßl, mehrfach für seine Forschungen ausgezeichneter Wissenschaftler an der Universität Hamburg, die dramatischen Folgen dieser Verdrängung. Sie würden sich aber nicht nur auf den Wandel des Weltklimas beschränken. Zunehmend seien auch die gesellschaftlichen Verhältnisse von der klimatischen Entwicklung betroffen. „Der Nord-Süd-Konflikt ist durch die Klimaveränderung verschärft worden“ betonte Graßl. Und gegen „Klimaflüchtlinge“ aus den südlichen Teilen der Erde „können uns auch die höchsten Zäune nicht schützen“, so Graßl mit Blick auf die aktuellen Beispiele in Nordafrika und im Süden der USA.
„Krieg und Terror sind der GAU für unsere Zivilisation – Energie und Frieden sind ihre Betriebsbedingungen.“ So stellte Gerhard Knies vom Hamburger Klimaschutz-Fonds dieser Entwicklung die doppelte Wirkung erneuerbarer Energien entgegen. Denn nicht nur für die nachhaltige klimatische Entwicklung sei ihre Nutzung ein Garant. Ihr Einsatz würde auch Konflikten um die knapper werdenden fossilen Brennstoffe den Boden entziehen. Internationale Kooperation zur Nutzung der Sonnenenergie, verbesserte Entwicklungsmöglichkeiten für die wenig entwickelten, aber sonnenreichen Länder des Südens und die Vermeidung neuer Risiken durch die Verbreitung der Kernenergie – das, so Knies, seien die friedensstiftenden und zukunftssichernden Potenziale alternativer Energiegewinnung. Wirklichkeit wird dieser Gedanke in dem von Knies selbst mitgetragenen Projekt einer „Solar-Allianz“ zwischen Europa und Afrika.
Vielleicht trägt die so aufgezeigte Aktualität einer energiepolitischen Wende dazu bei, den Weg vom Wissen zum Handeln zu ebnen. Viel Zeit bleibt dafür allerdings nicht, so Michael Schirmer von der Universität Bremen: „Zu verhindern ist die Klimakatastrophe nicht mehr.  Es geht nur noch darum, Zeit zu gewinnen, um sich auf ihre Folgen einzurichten.“