stahlpress

Medienbüro Hamburg

Kreative Seiten: Das Design Festival Hamburg

Erschienen in am 28.10.2006 in "Kieler Nachrichten"

Design Festival Hamburg: „Schön ist, was Probleme macht“

300 Kreative in der Hansestadt haben ihre Ateliers für Besucher geöffnet und zeigen sechs Tage lang ihren Erfindungsreichtum und ihr gestalterisches Können

Von Susann Witt-Stahl

Schöpferische Tätigkeit sei zwar nicht das Brot, aber der Wein des Lebens – die rund 1600 in Hamburg ansässigen Designer haben dieses berühmte Diktum des Schriftstellers Jean Paul längst widerlegt. Denn die „creative industries“ gehören seit mehr als einem Jahrzehnt zu den wichtigsten Wachstumsbranchen der Elbmetropole.

Dass die Hansestadt im Produkt-, Mode- und Kommunikationsdesign, aber auch in den Bereichen Innenarchitektur, Möbel und Licht als Design-Hochburg der Republik gilt, ist nicht zuletzt einer Maßnahme der Behörde für Wirtschaft und Arbeit zu verdanken: 1995 hatte sie zur Förderung des Designstandorts Hamburg die Initiative hamburgunddesign° gegründet. „Die spezifische, weit über die Gestaltung von Produkten und Dienstleistungen hinausgehende Kompetenz von Designern ist immer noch nicht anerkannt genug“, so die Leiterin von hamburgunddesign° Babette Peters.

Um die Arbeit der Designer dem öffentlichen Bewusstsein und dem Endverbraucher näher zu bringen, organisiert hamburgunddesign° seit 2003 die „Hamburger Mode Label Days“. Aufgrund der guten Resonanz findet in diesem Jahr erstmals ein großes „Design Festival“ statt.

Zu den 139 Veranstaltern, die die Besucher in Ausstellungen, Workshops und Performances in die Kunst der Verknüpfung von Funktionalität und Schönheit einführen, gehört auch das Büro für Gestaltungsfragen (BFGF). Seit 1996 sind die „Erfinderdesigner“, wie einer der Gründerväter des Kreativen-Büros, Peter Unzeitig, sich und seine vier Kollegen Christian Schüten, Sebastian Mends-Cole, Gerrit Kuhn und Eric Pfromm nennt, mit Produktgestaltung, Licht, Corporate Interior und Orgatektur beschäftigt – von der Anwendungsforschung, Konzeption über Entwurf bis zur Umsetzungsbetreuung. „Schön ist, was Probleme macht“, lautet das ästhetische Prinzip des BFGF. „Die Dinge, die wir erschaffen, sollen nicht nur funktionieren, sondern auch konfrontieren“, erklärt Peter Unzeitig. Zu den Meisterstücken des Industriedesigner-Quintetts, in dessen langer Kundenliste sich klangvolle Namen wie Jung von Matt, Daimler Chrysler und Siemens aneinander reihen, zählen auch Hamburgensien. Neben einen Aalsuppenteller hat das BFGF ein Trinkglas entworfen, das mit der Niederschlagsskala Deutschlands bedruckt ist. Das „Hamburger Pegelglas“ soll mit dem Vorurteil aufräumen, dass es im Norden der Republik mehr regnet als im Süden. Zum „Design Festival“ bietet BFGF neben einer Ausstellung von etwa 40 Objekten und einer großen Party in seinen Atelierräumen im Schanzenviertel eine besondere Delikatesse: Während die Designer verbesserte Klassiker der Gestaltung präsentieren, werden Hamburger Spitzenköche – darunter Torsten Gillert – ihre Weiterentwicklungen von Klassikern der bürgerlichen Küche vorstellen: Bis Dienstag können Besucher im BFGF traditionelle Speisen wie Hamburger Rundstück warm oder Soljanka genießen.

Produkte aus Gebrauchsglas, wie Garderoben, Leuchten, Vasen und Schalen, können in dem Ladenatelier Kunst und Gemüse bestaunt werden. Seit sechs Jahren teilt Designerin Sybille Homann ein kleines Ladenatelier im Karolinenviertel mit ihrer Kollegin Anne Zimmer, die Metallobjekte und Schmuck kreiert. Die 40-Jährige, die nach abgeschlossener Tischlerlehre an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel Industriedesign studiert hat, verwandelt Einwegflaschen, die in der Gastronomie nach Leerung normalerweise in den Müll wandern, in unikate Kunstwerke. Die hamburgunddesign°-Preisträgerin von 1999 schneidet das Glas in Formen, schleift, poliert es und klebt es zu neuen Objekten zusammen. „Alle meine Produkte sind voll funktionstüchtig“ – auf diese Feststellung legt Sybille Homann großen Wert. Sie fertigt zwar auch Auftragsarbeiten an. Die meisten ihrer Werke entstehen aber auf Basis eigener Entwürfe: „Ich liebe es, mit dem Zufall zu spielen und Farben frei zu kombinieren.“ Unter dem Motto„Mach’s Dir selbst“ gibt die Designerin während der Festivaltage Gelegenheit, in ihrer Werkstatt „mitzupuzzeln“ und bietet Workshops zum Thema „Ornamente“ an. Die Teilnehmer können unter Anleitung von Sybille Homann zum Selbstkostenpreis des von Kunst und Gemüse zur Verfügung gestellten Materials eigenhändig Vasen herstellen.

Gleich um die Ecke, an der Marktstraße, Richtung Messehallen, finden sich das Atelier und die Verkaufsräume von Damenmodedesignerin Regine Steenbock. Den Namen Sium – eine Erfindung ihres Sohnes – hatte die Künstlerin für ihren Laden ausgewählt, weil es ein „schön klingendes unbeflecktes Wort ohne Bedeutung war“. Das sollte sich bald ändern: Seit einem halben Jahrzehnt ist Sium weit über die Grenzen Hamburgs hinaus Inbegriff für ein Design mit Liebe zum Detail, das hanseatisch dezent und unaufdringlich ist und mit viel ästhetischen Feinsinn für den alltäglichen Gebrauch gemacht wird. Sium bedeutet aber auch, mit „spannungsreichen Brüchen zu arbeiten“, erklärt Regine Steenbock, „schlichter Minimalismus kooperiert mit lebensfroher Opulenz“. Bei ihren aufwändigen Kreationen legt die Designerin ein besonderes Augenmerk auf eine präzise Schnitttechnik. „Die Kleider sollen eine ausgefeilte Architektur haben.“ Bis Dienstag können Besucher der 2002 von hamburgunddesign prämierten Modemacherin noch in ihrem Atelier dabei zuschauen, wie sie ihre Schnitte – die sie nicht wie in der herkömmlichen Konfektion auf dem Papier konstruiert – mit einer speziellen Drapiertechnik direkt am dreidimensionalen Modell gestaltet.