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Medienbüro Hamburg

Mit Marx und Adorno für freie Märkte

Erschienen am 11.5.07 in "Neues Deutschland"

Mit Marx und Adorno für freie Märkte

„Antideutsche“ rufen zum Kampf gegen linke Globalisierungs- und Kapitalismuskritiker auf

Von Susann Witt-Stahl

Vielen Antifaschisten gelten Nazis und andere Rechtsextremisten schon längst nicht mehr als Hauptfeinde. „Antideutsche Antifas“ machen lieber Front gegen die internationale Linke. Dabei schrecken sie nicht vor Bündnissen mit Neokonservativen zurück – und, wie der Soziologe Gerhard Hanloser belegt, auch nicht vor der ideologischen Verstümmelung von Marx und der Kritischen Theorie.

Dass hierzulande immer mehr Antifaschisten ins „bedingungslos israelsolidarische“ Lager abwandern würden, sei vorwiegend dem „antideutschen Meinungsterror“ zu verdanken, verkündet Stephan Grigat stolz. Der konkret-Autor ist zurzeit auf Vortragsreise. Sein Anliegen: Er will den „Antisemitismus der antikapitalistischen Revolte“ anprangern, die von der internationalen Antiglobalisierungsbewegung angezettelt worden sei. Vor allem der linksradikale Flügel der G8-Kritiker sei „maßgeblich an der Mobilmachung gegen den jüdischen Staat und seine US-amerikanische Garantiemacht beteiligt“. Und weil die No-Globals gesellschaftlich weniger isoliert seien, hält Grigat sie für „gefährlicher als bekennende Nazis“.
Allein schon, dass viele Linke die Legitimation der reichsten Länder bestreiten würden, politische Entscheidungen für die Weltbevölkerung zu treffen, sei ein Indiz für ihre mit Ressentiments aufgeladene Wahrnehmung der G8 als „geheimer Macht“ und damit „strukturell antisemitisch“, ergänzt ein Sprecher der Hamburger Antifa-Gruppe Bad Weather, deren Einladung Grigat gefolgt ist. Der Politikwissenschaftler quittiert den Einfallsreichtum seines Antifa-Schülers mit einem anerkennenden Schweigen.
Veranstaltungen wie diese, mit denen „Antideutsche“ über den „barbarischen Antikapitalismus“ der interventionistischen Linken und den vermeintlichen Gefahren, die von ihr ausgehen, aufklären wollen, werden nicht erst im Vorfeld des G8-Gipfels organisiert. Das Gros der Szene mobilisiert schon seit Jahren gegen Antiimperialisten, die Friedens- und Anti-Hartz-IV-Bewegung. Mit besonderem Hass begegnen sie der internationalen Linken, die einen gerechten Frieden für Palästina fordert – allen voran: israelischen Kommunisten und Anarchisten.
Der antideutsche Mainstream hat sein Heil im Neo- und Ultraliberalismus gesucht und gefunden. Er unterstützt mit bellizistischer Emphase die US-amerikanischen Kriege in Afghanistan und im Irak und macht sich für Militärschläge gegen den Iran stark. „Antideutsche“ Medien rufen gemeinsam mit christlichen Fundamentalisten wie der Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem (ICEJ) zu proisraelischen Demonstrationen auf. Die ICEJ macht nicht nur Stimmung gegen Homosexuelle in der heiligen Stadt. Sie ist auch – mit Verweis auf die im Alten Testament dargelegte territoriale Ordnung des Nahen Ostens – radikaler Gegner einer Zwei-Staaten-Lösung.
Der Freiburger Soziologe Gerhard Hanloser, Herausgeber des Sammelbandes „Sie warn die Anti-deutschesten der deutschen Linken“ mit Aufsätzen von Kritikern der Szene, beobachtet vor allem mit Sorge, wie sich „antideutsche“ Autoren die Theorielinie Marx-Freud-Frankfurter Schule für ihre „pro-kapitalistische Hymne auf die Welt“ zurecht biegen: Die von ihnen unentwegt „behauptete Kompatibilität der Kritischen Theorie mit neoliberalen Ideologien“ – letztere werden im antideutschen Schrifttum als Bewahrer „der emanzipatorischen Bestimmung der Aufklärung“ verteidigt – sei nur möglich, so Hanloser, „wenn Adornos Klassenbezug, sein Marxismus und Materialismus aus seinem Gesamtwerk und seiner Kulturkritik ausgetrieben werden“. Die Zurichtung der Frankfurter Schule für eine Apologie des freien Marktes sowie die Behauptung, Adorno hätte eine Kluft ausgemacht zwischen dem US-amerikanischen Individualismus, der Ausdruck eines zivilisierten Kapitalismus sei, und dem deutschen Kollektivismus, der unausweichlich in die Barbarei führe, kommt für Hanloser einer „rituellen Hinrichtung der Kritischen Theorie“ gleich. Denn gerade Adorno und Horkheimer hätten den „Herrenzynismus der Liberalen, die Ideologien der intellektuellen ‚happy few’“ durchschaut. Mehr noch: Adorno hat immer wieder betont, dass „Auschwitz ohne die Kälte, des Grundprinzips der bürgerlichen Subjektivität, nicht möglich gewesen wäre“.
Nach Ansicht Hanlosers drängt sich die Frage auf, ob bürgerliche Kälte nicht von den „antideutschen Sekten“ regelrecht eingeübt werde. Zumindest werde von ihnen die zynische Forderung erhoben, „die Welt aushalten zu lernen“. Eine ihrer Begründungen: In der warenproduzierenden Gesellschaft „sind die Kapitalisten nichts anderes als eine andere Form der Arbeiter, nicht besser und nicht schlechter“ (Bad Weather). Daher wird „jede praktische Herrschaftskritik, jede Aufstand und jede Auflehnung“ von den Antideutschen als antiemanzipatorische Rebellion denunziert, kritisiert Hanloser, die „immer nach habhaften Personen sucht und damit qua Personalisierung der abstrakten Herrschaft dem Antisemitismus gleich kommt“.