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Medienbüro Hamburg

Utopie-Kongress in Hannover

Erschienen in "Kunst + Kultur" 1/2006

Utopie in zarten Pastelltönen


Kritische Theoretiker diskutieren die Möglichkeiten einer anderen Welt

Von Susann Witt-Stahl

Als Herbert Marcuse 1967 das „Ende der Utopie“ proklamierte, wollte er sich keineswegs von der Hoffnung auf die Verwirklichung einer humanen Gesellschaft und „Wiederherstellung der Natur nach der Beseitigung der Schrecken der kapitalistischen Industrialisierung“ verabschieden. Er siedelte den Verein freier Menschen nur nicht mehr im „Nirgendheim“ des Utopischen (aus dem griech. ou „nicht“ und topos „Ort“), im Jenseits des No Where- sondern im Diesseits des Now-Here-Lands an. Utopisches Denken sollte konkret werden. „Der Marxismus muss riskieren“, forderte der Philosoph während seiner Rede im überfüllten Audimax der FU Berlin, „die Freiheit so zu definieren, dass sie als ein nirgends schon Bestehendes bewusst erkannt wird“.
Im Unterschied zu den anderen Protagonisten der Frankfurter Schule wagte sich Marcuse über einen Utopiebegriff hinaus, der sich Utopie ausschließlich als radikale Kritik am Bestehenden denken wollte. Sondern er begab sich wie Ernst Bloch nach dem „Prinzip Hoffnung“ auf die Suche nach positiven Alternativen. Der Entwicklungsstand der materiellen und intellektuellen Kräfte sei derart hoch, so die Begründung des Autors von „Versuch über die Befreiung“ für seinen Vorstoß, dass die Abschaffung von Hunger und Not, Unterdrückung und Gewalt hier und jetzt im Reich der Notwendigkeit ganz real möglich sei. Im Hinblick auf das atemberaubende Tempo, mit dem die Produktivkraftentwicklung im 20. Jahrhundert voranschritt, sagte der optimistischste unter den Kritischen Theoretikern aber auch: „Wir können heute die Welt zur Hölle machen.“
Fast vier Dekaden später gibt es „intelligente Bomben“, und das „Ende der Utopie“ ist – alles andere als im Marcuseschen Sinne – insofern erreicht, dass die Utopie am Ende ist: Nachdem der Marxismus im real existierenden Sozialismus seiner utopischen Impulse beraubt, zur Legitimationswissenschaft für die Unterdrückungsmaschinerie maroder autoritärer Staaten verkommen und von westlichen Intellektuellen entsorgt worden ist, haben Vertreter des neoliberalen und konservativen Lagers wie Joachim Fest Utopien systematisch und pauschal unter Totalitarismus- und Terrorismusverdacht gestellt.
„Einmal half die Kritik der Utopie dazu, dass der Gedanke der Freiheit der ihrer Verwirklichung blieb. Heute wird die Utopie diffamiert, weil keiner mehr so recht die Verwirklichung will“, hielt Max Horkheimer schon Anfang der 1940er Jahre Sozialdemokraten und Liberalen vor. Er wusste, die Diskreditierung utopischer Hoffnungen auf eine befreite Gesellschaft verfolgt mitnichten das Ziel der Dekonstruktion von Luftschlössern zugunsten realpolitischer Problembewältigung, wie neoliberale Ideologen der Gesellschaft weismachen wollen – sie hat den Weg frei gemacht für eine ebenso hoffnungslose wie gefährliche Utopie der grenzenlosen Freiheit des Marktes. „Unter der Herrschaft eines repressiven Systems lässt sich Freiheit in ein mächtiges Herrschaftsinstrument verwandeln“, schrieb Marcuse über den depravierten Freiheitsbegriff im fortgeschrittenen Kapitalismus, der sich mit der „Freiheit des consumers“ begnügt, „im Wesentlichen aber nichts mit Freiheit zu tun“ hat.
Um sich dem Problem des sich mehr und mehr verbreitenden falschen Bewusstseins von Utopie zu widmen, trafen sich vergangenen Oktober rund 20 Wissenschaftler in Hannover zu einem dreitägigen Kongress. Die Philosophen Gunzelin Schmid Noerr und Peter-Erwin Jansen, der Politikwissenschaftler Joachim Perels, der Ökonom Michael Krätke, die Soziologin Regina Becker-Schmidt und andere kritische Theoretiker kamen zusammen, um die von Herbert Marcuse in seinem berühmten Essay „Repressive Toleranz“ gestellte gesellschaftliche „Aufgabe des Intellektuellen“ zu lösen, „an geschichtliche Möglichkeiten, die zu utopischen geworden zu sein scheinen, zu erinnern und sie zu bewahren“, aber auch – wie es in der Einladung formuliert war –, um die „eklatante Armut an Utopie in sämtlichen sich eigentlich der Emanzipation verpflichtet fühlenden gesellschaftlichen Institutionen und Gruppen“ zu bekämpfen.
Veranstaltet wurde die Tagung von der Redaktion des Online-Magazins Sozialistische Positionen (Sopos) anlässlich ihres fünfjährigen Bestehens in Kooperation mit der Loccumer Initiative kritischer WissenschaftlerInnen. Der Kreis von Intellektuellen, der Herausgeber der Schriftenreihe Kritische Interventionen ist, hatte sich 1994 als Antwort auf den Vormarsch neoliberaler und neokonservativer Ideologien gebildet. Die Gruppe fühle sich dem ideologiekritischen Denken der verschiedenen Traditionslinien des westlichen Marxismus verpflichtet, „die mit Namen wie Herbert Marcuse, Ernst Bloch, Karl Korsch, Walter Benjamin, Wolfgang Abendroth oder Theodor Adorno verknüpft sind“, erklärte Gregor Kritidis, Sprecher der Initiative und Sopos-Redakteur in seiner Eröffnungsrede.
Den politischen und sozialen Eliten sei es in den vergangenen zwei Jahrzehnten gelungen, „den Gedanken an Alternativen zur herrschenden Politik weitgehend aus den gesellschaftlichen Institutionen und der öffentlichen Diskussion herauszudrängen“. Der Politologe kritisierte, wie sehr „sich der wissenschaftliche Mainstream gegen die Wirklichkeit abgedichtet“ und die Realitätsverweigerung der Herrschenden mit „einem illusorischen Freiheitsversprechen garniert“ habe. Für die neokonservative Offensive gebe es zwingende Gründe: „Wer angesichts eines überquellenden gesellschaftlichen Reichtums Menschen zwingt, sich von knapp vier Euro am Tag zu ernähren“, so Kritidis weiter, „wer angesichts von Massenarbeitslosigkeit Arbeitszeiten verlängert, Löhne senkt und einem modernen System der Zwangsarbeit den Weg ebnet, möchte sich keinen kritischen Fragen aussetzen“.
Nicht zuletzt, weil sich die Revolution des Proletariats als äußerst blutrünstig und opferreich erwiesen hatte, hatten die Frankfurter bereits zu Beginn der 1940er Jahre ihre Kritische Theorie radikalisiert und ihre analytische Aufmerksamkeit von der Frage nach der Verwirklichung des Sozialismus auf eine Kritik der Naturbeherrschung gelenkt. Die Unterwerfung und Unterdrückung der inneren und äußeren Natur samt ihrer fatalen Folgen, so die These von Horkheimer und Adorno, sei keineswegs Epiphänomen der bisher  katastrophal verlaufenen Zivilisationsgeschichte – sie sei Ursache und Prinzip aller interhumanen Herrschaftsbeziehungen und des aus ihnen hervor gehenden Leidens.
Der Umweltsoziologe Christoph Görg betonte die Aktualität der Naturbeherrschungsthese für die Analyse und Kritik „globaler Machtverhältnisse“. In der Debatte um gesellschaftliche Naturverhältnisse käme das Entweder-Oder zum Vorschein, das die Frankfurter als Ausläufer der Dialektik der Natur erkannt hätten: Auf der einen Seite die Kräfte, die einen romantischen Naturalismus propagieren, Ökosysteme als unendliche Nahrungskette wahrnehmen, das Naturgesetz des Fressens und Gefressenwerdens idealisieren, um es schließlich zur sozialdarwinistischen Ideologie wuchern zu lassen – auf der anderen die Apologeten eines ungehemmten technologischen Fortschritts, die die Menschheit als eine „gigantische Aktiengesellschaft zur Ausbeutung der Natur“ (Max Horkheimer) begreifen wollen.
„Es ist das Wesen der Herrschaft“, so Görg, „sich diesem Entweder-Oder zu unterwerfen“. Daher hält der Autor von „Mythen globalen Umweltmanagements“ eine Naturbeherrschungskritik, die diese scheinbare Alternativlosigkeit angreift und an dem Konflikt zwischen Naturalismus und Fortschrittswahn ansetzt, für den Masterplan, der die totalitäre kapitalistische Verwertungslogik hintertreiben kann – und nicht eine pauschale Globalisierungskritik: „Neoliberale Ideologie kommt auch in lokalen und nationalen Konzepten wie beispielsweise Hartz IV zur Entfaltung. Eine moderne kritische Theorie der Gesellschaft muss der Komplexität und Vielschichtigkeit der Herrschaftsverhältnisse Rechung tragen.“ Die Ökologie-Bewegung warnte Görg davor, die integrative Kraft des Kapitalismus zu unterschätzen: „Der Naturschutz ist längst in die postfordistische Akkumulationsstrategie eingebaut“. Das Diktum der „biologischen Vielfalt“, die erst durch menschliche Praxis geschaffen worden ist, sei eng mit der neoliberalen Strategie lückenloser In-Wert-Nahme der Natur verbunden – wie sie bei der Patentierung von Nutzpflanzen zutage tritt.    
Uta Wagenmann vom gen-ethischen Netzwerk informierte darüber, wie es um die „Eigentumsverhältnisse an Körpersubstanzen“ bestellt ist. Die Transformation von Eizellen,  Sperma und Organen zur bloßen Ware zeitige Folgen wie ein entfremdetes Verhältnis des Menschen zu seinem Körper, eine „Spaltung der Gesellschaft in Spender und Empfänger“, eine „Kapitalisierung des Todes“. Die In-Wert-Setzung des Körpers habe zudem „Gesundheit zur moralischen Pflicht erhoben und gemäß neoliberaler Logik die Lösung der Probleme des Gesundheitswesens dem Individuum überantwortet“, kritisierte die Soziologin und forderte eine Rückbesinnung auf eine „feministische Widerstandstradition“, die sich gegen die Objektifizierung und „Entkörperlichung des Körpers“ wendet und sich für Kontrolle und Transparenz der Forschung stark macht.
Die Entschlüsselung des Genoms sei ohne Computer undenkbar gewesen, verwies der Sozialwissenschafter Sven Oliveira Cavalcanti in seinem Vortrag auf „reale Möglichkeiten und Elend der Realität“ des technologischen und gesellschaftlichen Fortschritts. „Jede andere Maschine ist im Computer implementierbar – die negative wie die positive Utopie lautet: Kontrolle über die Welt durch die Möglichkeiten der Maschine“, veranschaulichte der Sopos-Redakteur die Dialektik technischer Utopien.
Der Boden, auf dem die Technik Macht über die Gesellschaft gewinnt, sei die Macht der ökonomisch Stärksten über die Gesellschaft, schrieben Adorno und Horkheimer im Kulturindustrie-Kapitel der „Dialektik der Aufklärung“. „Technische Rationalität heute ist die Rationalität der Herrschaft selbst.“ Das gilt zumindest solange die kapitalistische Produktionsweise erhalten und der deus ex machina ihren Profiteuren zu Diensten ist. „Moderne Technologie und neoliberal organisierte Märkte kommen heute einem religiösen System gleich, das in seinem steten Fortschritt eine Welt ermöglichen könnte, in der das Problem des Hungers gelöst sein könnte“, kritisierte Cavalcanti und forderte, „den utopischen Überschuss des Bestehenden in Ökonomie und Technologie herauszuarbeiten“.
Genau das taten die Webmaster von ver.di Stefan Meretz und Sopos Oliver Heins, indem sie eine weitere Bruchstelle des Spätkapitalismus ins Visier nahmen: Die Vollautomatisierung. Während die vollautomatisierte Produktion in einer freien Gesellschaft die Entfaltung des Individuums ermöglichen würde, verkommen die Maschinen in der freien Marktwirtschaft  nicht nur zum „Destruktionsmittel“, das „anstatt der Arbeit die Arbeiter überflüssig macht“, wie Horkheimer eine der absurden Folgen der Fetischisierung der grenzenlosen Machbarkeit durch instrumentelle Vernunft beschrieb. Die Dialektik der Produktivkraftentwicklung treibt auch Blüten wie Freie Software – ein digitales und damit unbegrenzt reproduzierbares Gut. „Es gleicht einem Treppenwitz der Geschichte, dass sich beide Utopien zeitgleich am selben Ort konkretisieren“, konstatierte der (wert-)kritische Informatiker Oliver Heins. „Freie Software, deren enormes emanzipatives Potential als eine ‚Keimform’ radikal anderer, wertfreier Produktion gerade erst wahrgenommen wird, entsteht zuerst in den Labors für künstliche Intelligenz, in denen an der vollständigen Ersetzung des Menschen durch die Maschine gearbeitet wird.“
„Konkrete Utopie ist die Chiffre für negative Kritik“, erinnerte der Soziologe Marcus Hawel an die sich auf Bilderverbote stützende Denktradition der Frankfurter, die den Entwurf der befreiten Gesellschaft ausschließlich als Spiegelschrift der real existierenden Negativität lesen wollten. Eine Tradition, der sich der israelische Gelehrte Moshe Zuckermann zutiefst verpflichtet fühlt, wie er in dem Schlussvortrag der Tagung unmissverständlich zum Ausdruck brachte: „Die Frage nach dem Seinsollenden kann schnell zur Ideologie verkommen und Fetischcharakter annehmen“, warnte der Historiker, „der Kommunismus wurde als Alptraum erlebt, weil seine Utopie zu sehr ausgepinselt wurde.“ Karl Marx hätte gute Gründe gehabt, sie nur „in zarten Pastelltönen“ zu malen. Daher will sich Zuckermann Utopie angesichts der fortwährenden Barbarei auf der Welt nur als „heftiges Aufstöhnen und „wütenden Aufschrei gegen das So-Bestehende“ denken. Eine Vorstellung, an der übrigens auch Herbert Marcuse unerschütterlich festhielt: „Die kritische Theorie der Gesellschaft besitzt keine Begriffe, die die Kluft zwischen dem Gegenwärtigen und seiner Zukunft überbrücken könnten; in dem sie nichts verspricht und keinen Erfolg zeigt, bleibt sie negativ“, lauten die letzten Worte seines „Der eindimensionale Mensch“. „Damit will sie jenen die Treue halten, die ohne Hoffnung ihr Leben der Großen Weigerung hingegeben haben und hingeben.“