stahlpress

Medienbüro Hamburg

Eröffnung der Europa Passage im Herzen der Hansestadt

Erschienen am 09.07.2007 in "Kieler Nachrichten"

Europapassage
Niedrige Umsätze und drohende Insolvenzen vermiesen die Stimmung: Europa Passage in der Hamburger Innenstadt. Fotos vs

„Einmal und nie wieder“

Von Volker Stahl

Hamburg – „Hamburgs neues Wohnzimmer“, „faszinierende Einkaufswelt“, „Lifestyle-City“ – zur Eröffnung der Europa Passage im Herzen der Hansestadt waren alle begeistert. Heute herrscht zumindest bei einigen Katzenjammer: Baumängel, unstimmiger Branchenmix, niedrige Umsätze und drohende Insolvenzen vermiesen die Stimmung.

Das Handy klingelt. „Jaah, ist das stark – überregional“, schreit Manfred Köhler, nachdem er die frohe Botschaft vernommen hat. Der Ex-Schauspieler tanzt wie Rumpelstilzchen: „Das NDR-Fernsehen will berichten.“ Der Frust beim Betreiber des Bistro Europa sitzt so tief, dass alle Welt erfahren soll, was in der Europa Passage schief läuft. Nur acht Monate nach der Eröffnung ist der 58-jährige Geschäftsmann pleite und erhebt schwere Vorwürfe gegen das Centermanagement und die Betreiber Allianz und HSH Nordbank: „Die lassen die Mieter im Stich. Mein Bistro ist auch wegen fehlender Außenplätze kaputtgegangen.“ Köhler, der nach eigenen Angaben bis Februar 10000 Euro Monatsmiete bezahlt hat, beziffert seinen Verlust auf knapp 500000 Euro: „Zuletzt hatte ich Tageseinnahmen von 200 bis 300 Euro.“

Im Winter waren die Gäste weggeblieben, weil es in seinem Laden wegen der defekten Heizungsanlage bis zu acht Grad kalt war. „Meine Brüder haben mir damals aus Mitleid einen elektrischen Heizkörper geschenkt.“ Ende Juni zogen Köhler und fünf weitere frustrierte Mieter Publicity-trächtig durch die Hamburger Innenstadt und trugen ihre Läden unter traurigen Blues-Klängen zu Grabe. Die Szenerie erinnerte an den James-Bond-Klassiker „Leben und sterben lassen“. Es werde weitere Opfer geben, prophezeit der Initiator: „Wir rechnen mit 20 bis 25 Pleiten im ersten Jahr.“

Der Bistro-Betreiber, Spross des Kieler Bankiers Heinrich Köhler, hat schon bessere Zeiten erlebt. Der Liebhaber schneller Autos und Duzfreund der hanseatischen Schickeria lebte lange auf der Überholspur, feierte Erfolge als Sänger, Musikproduzent, Fitnessstudio-Betreiber und Werber. Lebensmotto: „Was ich mache, muss mir vor allem Spaß bringen, das Geld kommt dann von ganz allein.“ Gute Zeiten, schlechte Zeiten – sein Engagement in der Europa Passage ist ein Flop. Dabei bezeichnet sich Köhler, der auch einen florierenden Würstchenstand an der Mönckebergstraße betrieb, als „allergrößten Befürworter“ der Europapassage. Doch das war gestern: „Wir wurden mit Cartier, Gucci und Armani als Nachbarn gelockt. Doch dann hat man uns statt des versprochenen Mercedes einen gebrauchten Polo hingestellt.“ Der Branchenmix und die Qualität vieler Läden sei unzureichend, die Miete zu hoch.

Wer aufmuckt, wird abgemahnt oder gekündigt – wie Köhler kurz vor seiner Pleite. „Nicht weil er mit seiner Kritik an die Öffentlichkeit gegangen ist, sondern weil er keine Miete gezahlt hat“, sagt Centermanager Uwe von Spreckelsen. Der ehemalige Chef des Kieler Sophienhofs reagierte „schockiert“ auf die Trauerdemo durch die Innenstadt, die er als „pietätloses Vorgehen“ verurteilte. Die Aktion schade dem Image der Europa Passage, warnte von Speckelsen in einem Brief an die Mieter: „Eine schlechte Berichterstattung schlägt sich leider auch in Besucherzahlen und Umsatz nieder.“ Doch immer mehr Mieter wenden sich an die Medien. Als die Chefin von „Steiff Kids Fashion & more“ ihr Verkaufspersonal klagen ließ, dass die Passage nicht zu wiederholten Besuchen einlade, erhielt sie eine Abmahnung.

Genützt hat das nichts. Seit Wochen berichten die Hamburger Medien über die „Pleiten, Pech und Pannen“-Serie in der schönen neuen Einkaufswelt. Die Liste der Unzufriedenen wird immer länger. „Wir sind in allen großen Einkaufzentren in Hamburg vertreten“, sagt Daniel Tayfur, Juniorchef der Reinigungskette RWS-Textilpflege, „aber so etwas wie hier haben wir noch nicht erlebt.“ Der 22-Jährige berichtet von Kabelbränden, Wasserschäden, Lüftungsproblemen. Zuletzt sei ein nagelneuer Dampfreiniger kaputtgegangen – „einfach durchgebrannt“. Wer für den Schaden aufkommt, ist noch unklar.

Einen Steinwurf entfernt hockt Monika Hermsdörfer-Johnen desillusioniert in ihrem Geschäft Looxis. Doch nur wenige wollen ihre in Glas gelaserten 3D-Bilder kaufen. Die Lage im U-Bahn-Schacht ist zu schlecht, der Laden gegenüber steht leer, das Glas der Lichtquelle ist zersplittert, die Fliesen im Bodenbereich sind unfachmännisch verlegt. Die Geschäftsfrau fühlt sich vom Centermanagement stiefmütterlich behandelt und beklagt die Gerüche, die durch den zugigen Schacht wabern. Wütend hält sie dem Reporter eine Hochglanzbroschüre vor die Nase: „Sagen Sie: Sieht das hier so aus?“ Hermsdörfer-Johnen will raus, und zwar möglichst schnell: „Ketten wie Douglas können das drei, vier Jahre durchhalten, Einzelläden nicht.“ Zurzeit bleibe vor allem die Hamburger Kundschaft weg: „Die kommen einmal und nie wieder.“ Ein Kunde, der den Laden betritt, weiß warum: „Ich habe viele Einkaufscenter in Europa gesehen. Hier fehlt der Aha-Effekt.“

Die vorläufige Bilanz der Passage ist traurig: Drei Insolvenzen, vier leerstehende Läden, jetzt steht das Geschäft Kinderträume vor dem Aus. Obwohl Center-Sprecher Wolfgang Raike behauptet, 95 Prozent der Mieter seien mit den Umsätzen zufrieden, sieht die Realität anders aus. Bis zu 17000 Euro Mietzins sind von vielen Betreibern bei deutlich darunter liegenden Umsätzen kaum zu wuppen – wie das Regenwasser, das nicht nur in der Thalia-Buchhandlung in für jeden Kunden sichtbaren Eimern aufgefangen wird.