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Medienbüro Hamburg

Hamburg wird schwarz-grün

Erschienen am 08.03.2008 in "Wiesbadener Kurier"

Die GAL findet es "irgendwie ganz toll"

Zeiten des Klamauks in Wollsocken sind vorbei

Von Volker Stahl

HAMBURG - Jetzt ist es so gut wie amtlich: Hamburg wird schwarz-grün. Die Parteien mit dem unterschiedlichen Demokratieverständnis - bei der CDU gab der Landesvorstand das Okay für Koalitionsverhandlungen, bei der basisdemokratischen Grün-Alternative Liste (GAL) die Mitgliederversammlung - werden die Hansestadt voraussichtlich von April an zusammen regieren.

Wo früher erbittert gestritten wurde, herrschte am späten Donnerstagabend Friede, Freude, Eierkuchen. "Kein Klamauk mehr und keine Wollsocken im Publikum - früher war hier mehr Lametta", amüsierte sich ein Medienvertreter über die "braven Ökos". Und hatte recht: Die Basis störte sich nicht einmal am von ihren Spitzenvertretern mittlerweile gepflegten klassischen Politiker-Jargon und votierte mit einer satten Dreiviertelmehrheit in der Handwerkskammer am Holstenwall für Schwarz-Grün.

"Wir konnten viele Themen nicht zu Ende diskutieren, weil wir noch gar keine Verhandlungsbefugnis hatten", versuchte die Landesvorsitzende Anja Hajduk die offenen Ergebnisse der Sondierung zu rechtfertigen. Die GAL-Vertreter hätten aber "30 Punkte konkret angesprochen" mit dem Resultat: Über eine Alternative zu dem geplanten Kohlekraftwerk Moorburg, die Abschaffung der Studiengebühren, die Verbindlichkeit von Volksentscheiden zu reden, könnte sich Ole von Beust gut vorstellen.

Fakten präsentierte die Verhandlungskommission der Grünen lediglich in der Schulpolitik. Kinder sollen künftig bis zur sechsten Klasse gemeinsam lernen, so der Kompromiss, und nicht bis zur neunten Klasse, wie es bislang von der GAL gefordert wurde. Dafür gebe es aber keine "Selektion nach der vierten Klasse" mehr, wie es die CDU verlangt habe, verkündete Fraktionschefin Christa Goetsch und lobte das "unerbittlich erstrittene Ergebnis" als avantgardistische Schulentwicklung.

Gab es auch schlechte Nachrichten? Die von der GAL abgelehnte Elbvertiefung zum Beispiel. In diesem Punkt seien die Parteien leider zu keiner Einigung gekommen, "aber die CDU hat zugesagt, dass es dann keine weiteren Elbvertiefungen mehr geben wird", berichtete Hajduk und erntete schallendes Gelächter von den ansonsten freundlich applaudierenden Mitgliedern. Dennoch waren skeptische Stimmen die Ausnahme. Einer erinnerte an die Wurzeln der Grünen, eine andere appellierte: "Fallt doch nicht darauf rein, dass von Beust grüne Leuchttürme in Aussicht stellt!"

Die Mehrheitsstimmung gab Ex-Landesvorstand Marlis Dürkop am besten wieder. Das Sondierungsergebnis sei doch "irgendwie ganz toll. Jetzt fehlt nur noch, dass der CDU-Landeschef in die GAL eintritt". Der letzte Widerstand des einst aufmüpfigen GAL-lischen Dorfes war gebrochen.

Nach internen Häutungen, dem Austritt der Fundamentalisten und der Abspaltung der Regenbogen-Fraktion ist die GAL immer weiter Richtung Mitte gerutscht. Aus den einstigen Provokateuren sind Politprofis geworden, die jetzt eine historische Chance - Debüt für Schwarz-Grün auf Landesebene - beim Schopfe packen wollen. Und so steht einem Bündnis mit der vom beliebten Bürgermeister Ole von Beust auf einen liberalen Kurs getrimmten, großstädtisch geprägten Hamburger CDU nichts mehr im Weg.

Von Beust umgarnt die Grünen schon seit Jahren. Dass er mit Christa Goetsch gut kann, ist kein Geheimnis. Die GAL-Fraktionschefin und CDU-Landesparteichef Michael Freytag sind bereits per Du. In diesem Klima gab der CDU-Landesvorstand einstimmig grünes Licht für Gespräche.