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Kein Herz für Heuschrecken

die taz

Kein Herz für Heuschrecken

Von manchem als Inbegriff des vagabundierenden Kapitals verschrieen, spielen Hedgefonds im Bereich alternativer Investments bisher so gut wie keine Rolle. Das mag auch daran liegen, dass die Rendite eher bescheiden ist

VON RAINER KREUZER

Hedgefonds sollen in allen Lebenslagen der globalen Finanzmärkte Gewinne erzielen können: egal ob die Kurse steigen oder fallen. Seit Anfang 2004 dürfen Hedgefonds regulär auch in Deutschland vertrieben werden. Allerdings mit mäßigem Erfolg: Nach Angaben des Bundesverbands Alternative Investments (BAI) haben die Deutschen gerade mal 2,5 Milliarden Euro in die zugelassene Fondskategorie investiert - so viel wie sonst in einem einzigen Aktienfonds steckt.

Auch die Wertentwicklung ist alles andere als berauschend: Die meisten Dach-Hedgefonds haben mit 3 bis 4 Prozent im Jahresdurchschnitt bislang nur magere Renditen erzielt. "Die Auswahl ist noch nicht groß und die Produkte konnten sich noch nicht beweisen", meint BAI-Sprecher Peter Alex.

Für Privatanleger, die sich für diese Form der Geldanlage interessieren, gibt es bislang 25 Dach-Hedgefonds, die das Kapital ausgewählter Einzelfonds weiterleiten.

Größer ist die Auswahl bei Zertifikaten auf Hedgefonds. Darin sind bereits 18 Milliarden Euro investiert. Zertifikate sind Derivate, die sich entweder auf einen Index oder auf einen bereits bestehenden Dach-Hedgefonds beziehen.

Im Gegensatz zu einem Fonds ist ein Zertifikat kein geschütztes Sondervermögen: Geht die Bank pleite, kann die Rückzahlung gefährdet sein. Dafür können die meisten Zertifikate täglich an der Börse gehandelt werden. Die Performance ist meist ebenfalls mäßig, obwohl die ersten Zertifikate bereits im Jahr 2000 auf den Markt kamen. Das Xavex-Hedge-Zertifikat der Deutschen Bank wird gerade mal um acht Prozent über seinem Ausgabepreis gehandelt, das Al Global Hedge der Dresdner Bank legte in 5 Jahren um 36 Prozent zu und wurde im April geschlossen.

Hedgefonds wurden in Deutschland langsam interessant, als am Neuen Markt die Lichter ausgingen. Da warb die österreichische Quadriga AG mit traumhaften Renditen. Mit ihrem Computerprogramm hatte sie lange Zeit die richtigen Trends an den Börsen zur rechten Zeit aufgespürt und sowohl auf steigende wie auf fallende Kurse spekuliert. Das Trendfolge-System agiert auch auf den Rohstoff-, Anleihen- und Devisenmärkten.

Während der Baisse ging es steil nach oben. Seit März 2003 tritt der Superfund, wie er inzwischen heißt, mit großen Schwankungen unterm Strich auf der Stelle. Im Juli diesen Jahres beträgt der Verlust rund 9 Prozent. George Soros hatte seit den 70er-Jahren mit seinem Quantum Hedgefonds regelmäßig zweistellige Gewinne eingefahren. Er orientierte sich an makroökonomischen Daten und spekulierte auf künftige Entwicklungen. Als Soros 1992 auf eine Abwertung des Britischen Pfund wettete, konnte er in kürzester Zeit eine Milliarde Dollar Gewinn einstreichen. Global-Macro-Fonds verwalteten damals drei Viertel sämtlicher Hedgefonds-Gelder. Auch der 1998 abgestürzte LTCM gehörte dazu. Heute spielt diese Investmentstrategie nur noch eine Nebenrolle. Im Gegenzug haben Fonds, die Kursdifferenzen bei festverzinslichen Wertpapieren (Fixed Income Arbitrage) ausnutzen, und Long/Short-Equity-Fonds an Bedeutung gewonnen. Letztere kaufen Aktien, die sie für unterbewertet halten und leihen sich anderen Aktien aus, die sie als überbewertet einstufen. Die geliehenen Aktien werden dann teuer verkauft, die so genannten Leerverkäufe.

Wenn die Rechnung aufgeht und der Kurs fällt, können diese dann einige Zeit später wieder billig gekauft und zurückgegeben werden.

Die Idee, mit Aktien Gewinne zu machen, egal wie sich der Gesamtindex entwickelt, wird inzwischen auch von Alpha-Zertifikaten verfolgt. Mit Derivaten positionieren sie sich short (verkäuferseitig) auf den Index und kaufen im Gegenzug ihre eigene Aktienauswahl, die sich besser als der Index entwickeln soll. Der Gewinn resultiert einzig aus der Differenz zwischen der Wertentwicklung des Index und den ausgewählten Einzelaktien. Auch der Aktienfonds WM Diversified Alpha verfolgt diese Methode und geriet dennoch in die Verlustzone. Als im Mai die Börsen ins Minus fielen, rutschte der WM-Fonds mit. Eine alte Börsenregel: Wenn die allgemeine Stimmung umschlägt, stürzen nämlich meist jene Aktien am tiefsten, die zuvor bei den Anlegern am beliebtesten waren.

Handelsübliche Investmentfonds ohne das exklusive "Hedge"-Etikett investieren inzwischen auch in Devisen-, Rohstoffkurse und Derivate. Auch das Spekulieren auf Sondersituationen (Event-Driven-Strategie) wie Unternehmensübernahmen ist längst in Fonds- und Zertifikatform erhältlich. Was den Hedgefonds vorbehalten bleibt, sind Leerverkäufe einzelner Aktien und das Spekulieren auf Kredit, das so genannte Leverage. Wenn die Renditen zu mickrig ausfallen, lassen sie sich durch Kredite aufpeppen, solange die Zinsen dafür geringer sind als die Anlagegewinne.

Schlagen die Spekulationen fehl, kann ein Fonds ins Strudeln geraten und seine Gläubiger mit nach unten ziehen. Die Europäische Zentralbank (EZB) sieht die Stabilität des Weltfinanzsystems durch Hedgefonds bereits gefährdet. Durch "den Kollaps eines großen Hedgefonds oder mehrerer kleiner Fonds könne es zu "ungeordneten Marktkorrekturen" kommen, warnte die EZB im Juni. Besonders bedenklich sei es, dass viele Hedgefonds inzwischen vergleichbare Strategien benutzten. Kommen die Märkte in Turbulenzen, könne es zu schlagartigen Massenverkäufen gleicher Wertpapiere kommen.

Als im Mai ziemlich zeitgleich die Kurse von Aktien und Rohstoffen einbrachen, gerieten auch die meisten Hedgefonds ins Minus. Ihre Funktion als Absicherungsinstrumente wird umso fragwürdiger, je mehr sie auf die gleichen Märkte und die gleiche Richtung setzen.

15.9.2006 taz Spezial 192 Zeilen RAINER KREUZER Seite III

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