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Schlechte Zeiten für den grauen Engel

DAS TRAMPEN IST AUS DER MODE GEKOMMEN - JUGENDLICHE DER
NEUNZIGER JAHRE MÖGEN'S BEQUEMER


Schlechte Zeiten für den grauen Engel

Von Rainer Kreuzer

DIE ZEIT, 12. März 1993


Dieter Höft ist ein Unikum. Schon sein Äußeres signalisiert: Ich komme aus einer anderen,
besseren Zeit. Ein über der Brust hängender mittlerweile angegrauter Vollbart, seine
schulterlangen Haare, auch sein Lederhut und nicht zuletzt sein weißes T-Shirt, das
eine Harley Davidson zeigt, weisen ihn als Mann der siebziger Jahre aus: ein Freak mit
Beharrungsvermögen. Und wer ihn trifft, wird den momentan arbeitslosen Sozialarbeiter so
schnell nicht vergessen - und darauf legt er im übrigen auch großen Wert.
Den 42jährigen als großzügig, hilfsbereit und gastfreundlich zu bezeichnen, klingt
altmodisch, beschreibt den Mann aber genau. „Mir ist Geld nicht so wichtig. Solange was
im Kühlschrank ist, teile ich", gibt er als Ausweis seiner Nächstenliebe bekannt. Seine
Lebensaufgabe ist gleichzeitig ein kurioses Hobby: Dieter Höft sammelt Tramper ein,
die beim Einbruch der Dunkelheit auf den Autobahnraststätten im Umkreis Bremens
hängengeblieben sind.
„Private Tramperhilfe" nennt er das. An den Verkehrsschildern auf den Raststätten kleben
schmale Schriftstreifen mit dem Hinweis auf den kostenfreien Service. Wer nicht im
Freien schlafen möchte, soll anrufen. Der graue Engel holt ihn ab, auch nachts. In zwei
Gästezimmern stehen vier Betten bereit. Auf den Kopfkissen liegt für jeden Gas.t ein
Täfelchen Schokolade. Nach dem Frühstück bringt der spendable Herbergsvater seine
Klienten wieder dorthin, wo er sie abgeholt hat.
Ganz so uneigennützig, wie er auf den ersten Blick erscheint, ist der Freund der Anhalter
allerdings doch nicht. Geld verlangt er keines für seine Hilfe, doch ein Paßphoto, das
erbittet er schon. Von diesen Lichtbildern hat er schon Tausende gesammelt. Feinsäuberlich
finden sie sich eingeklebt nebst Namen und Anschriften in seinen Gästebüchern. Es scheint,
als sammle Dieter Höft Menschen, zumindest ihre Photos. „Nein", wehrt er ab, „es sind
Zeugnisse dafür, daß ich Freunde in der ganzen Welt habe."
Früher habe er zu Weihnachten Päckchen und Bündel mit Postkarten bekommen, erinnert
sich der Trampervater wehmütig. Im vergangenen Jahr fand er allerdings nur derer zwei
in,seinem Briefkasten. Der Althippie ist enttäuscht über seine Gäste jüngeren Jahrgangs.
„Die nehmen alles, betrachten das als selbstverständlich und bedanken sich noch nicht
einmal", klagt, er. „Die richtigen Tramper", gemeint sind die alternativen Weltenbummler,
mit dem „echten Feeling", die seien rar geworden.
An ihrer Stelle treffe man heute eher die Zwecktramper: arbeitslose Jugendliche,
Obdachlose, Berber, Punks und jene, die einfach nur billig reisen wollen. „Solidarität ist da
kaum noch", wirft ihnen Dieter vor, „jeder denkt nur an sich und wie er auf Kosten anderer
vorankommt."
In der Tat hat sich das Erscheinungsbild der Tramper gewandelt: Kaum noch Studenten,
Schüler und Lehrlinge aus Westdeutschland finden sich an Raststätten, Autobahnauffahrten
oder Landstraßen zusammen. Viel mehr junge Menschen aus Osteuropa sind es heutzutage,
die mit wenig Geld den Westen kennenlernen wollen und deshalb ihre Daumen in den
Wind halten. Einige ostdeutsche Teenies, versuchen, entgangene Flowerpower-Zeit
nachzuholen. Unter den westdeutschen sind vor allem jene mit von der Partie, die in der
Wohlstandsgesellschaft nicht mithalten konnten: Trampen, ein Armutsphänomen?
In den siebziger Jahren zeugten die bunten Anhalterscharen an den sommerlichen
Straßenrändern von einem gesellschaftlichen Klima, das es einem Teil der jungen
Wirtschaftswunderkinder noch ermöglichte, sich Zeit zu nehmen, Zeit auch für
Experimente abseits des Pauschaltourismus. „Das Trampen ist das einzige Abenteuer, das
es in unserer Gesellschaft noch gibt", sagt Dieter Höft rückblickend. Eines freilich, das
wenig Geld kostet, dafür aber um so mehr Zeit, Geduld und Bereitschaft erfordert, sich auf
unerwartete Situationen einzulassen.
„Trampen setzt vor allem voraus, daß man Zeit hat. Und genau das haben die jungen
Menschen heute nicht mehr", glaubt Hermann König. Er und seine Lebensgefährtin Ursula
Trescher trampten drei Monate lang durch Europa, ehe sie ihr Buch „Trampen: Bekannt,
unbekannt, verkannt" schrieben - die bislang einzige Studie zu dem Thema. Höft vor
zwanzig Jahren noch bis zu 1800 Gäste jährlich, so sind es jetzt höchstens noch 800.
Die Mitfahrzentralen, von denen in jeder größeren Stadt mindestens eine residiert, haben
das Ihrige dazu beigetragen, dem Trampen den Garaus zu machen. Wer keine Lust auf
unbestimmte Wartezeiten hat, kann für etwa den halben Bundesbahnpreis eine organisierte
Mitfahrt erhalten - für Reisende mit kleinem Geldbeutel eine günstige Alternative.
Darüber hinaus hat auch die „Aufklärungsarbeit" der Polizei dazu geführt, daß das
Reisen mit dem gestreckten Daumen fast verpönt ist. Die Ordnungshüter haben mit ihrer
alljährlichen Warnung „Machen Sie Schluß mit dem Fahren per Anhalter! Nehmen Sie
keine Anhalter mit!" Trampen stigmatisiert. „Im Zusammenhang mit dem Autostopp
werden die unterschiedlichsten Straftaten ausgeführt", hieß es einst im Polizeideutsch, ohne
daß die Behauptung jedoch mit Zahlen und Statistiken belegt worden wäre. Einzelne Fälle
von Vergewaltigungen, Raub und Mord wurden hervorgehoben und verallgemeinert.
Erst 1989 präsentierte das Bundeskriminalamt eine wissenschaftliche Studie über die
Gefahren beim Trampen, die allen vorangegangenen Horrorvisionen den Boden entzog.
Ergebnis: Die statistische Wahrscheinlichkeit, daß eine Tramperin vergewaltigt wird, liegt
bei etwa eins zu 100 000 Mitfahrten. Die Autoren konstatieren eine „offensichtlich geringe
Wahrscheinlichkeit, beim Trampen Opfer einer Straftat zu werden". Der polizeiliche
Chefaufklärer Manfred Dorfner vom Landeskriminalamt Stuttgart mußte kürzlich
einräumen: „Das Trampen wurde immer zu dramatisch dargestellt." Die Anti-Tramper-
Kampagne wurde ein Jahr nach dem Erscheinen der BKA- Studie eingestellt. Bei der
Polizei sei ein Denkprozeß in Gang gesetzt worden, ergänzte Dorfner.
Dennoch haben fast alle Frauen, die schon einmal auf diese Art gereist sind, unangenehme
Erfahrungen damit gemacht. Die Spannbreite ihrer Erlebnisse reicht von aufdringlichen
Blicken bis zur versuchten Vergewaltigung. Risikoloser trampen Frauen zu zweit. Ironie
der Geschichte. Während einerseits die Spezies der Tramper auszusterben scheint,
ist andererseits eine größer werdende Mitnahmebereitschaft der Automobilisten zu
beobachten. Alte Vorurteile und Ängste verlieren offenbar an Überzeugungskraft. „Ich
nehme immer Tramper mit", erklärt Gabi aus Bremen, die an der Raststätte Hamburg-
Stillhorn einen Anhalter absetzt. „Bisher habe ich nur gute Erfahrungen gemacht", berichtet
die 21jährige Studentin und nennt auch den Grund für ihre Offenheit: „Früher bin ich selbst
getrampt."
Ein Reisevertreter aus Düsseldorf reagiert hingegen differenzierter. „Ich darf keine
Anhalter in meinem Firmenwagen mitnehmen. Das könnte mich den Kopf kosten", erklärt
der junge Mann. Hin und wieder mache er allerdings auch Ausnahmen.
Lange Wartezeiten sind bei den Trampern selten geworden. Gabis Mitfahrer beispielsweise
bekommt nach zwanzig Minuten Daumenhalten einen Anschluß in Richtung Hannover.
Ein Pärchen aus Litauen, das sich gerade auf dem Rückweg gen Osten befindet und einen
Fahrer nach Berlin sucht, zeigte sich von der großen 'Mitnahmebereitschaft überrascht.
„Wir standen in Westeuropa nie länger als eine Stunde", berichtet die Achtzehnjährige in
gebrochenem Englisch. Auf diese Weise hätten sie in ihren drei Wochen Urlaub nun schon
Paris, Amsterdam, Kopenhagen und Hamburg kennengelernt.
Einzeltramper warten durchschnittlich zehn bis vierzig Minuten - abhängig immer von
Ort und Tageszeit. Bei Frauen geht es noch schneller. Diese Erfahrungen bestätigen auch
Hermann König und Ursula Trescher. Um zwei Uhr nachts gelingt es aber selbst von der
Autobahnraststätte Göttingen nur selten weiterzukommen. Im Europavergleich seien die
Wartezeiten auf deutschen Straßen am kürzesten, wobei die Autoren eine durchschnittliche
Wartezeit von 36 Minuten errechneten.
Trampen als Teil eines alternativen Lebensstils? Passe\ Für Dieter Höft bleibt angesichts
dessen wenig zu tun. Dennoch, so beteuert er tapfer: „Ich mache weiter." Das Buch
„Trampen: Bekannt, unbekannt, verkannt" ist direkt über die Autoren Hermann König und
Ursula Trescher erhältlich: Bahnhofsstr. 41, 2740 Hipstedt

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ZEIT, 12.03.1993 Nr. 11